Von Heinz-Günter Kemmer

Dr. h. c. Richard Freudenberg, der große alte Mann der deutschen Lederindustrie, ist in seiner Branche in Ungnade gefallen. Dem langjährigen Vorsitzenden des Verbandes der deutschen Lederindustrie und Leiter der größten deutschen Lederfabrik wird „Verrat am Leder“ vorgeworfen. Denn in einem Augenblick, in dem die ohnehin nicht besonders gefestigte Existenz der Branche zum zweitenmal durch eine Frontalangriff aus der Welt der Retorte bedroht wird, ist Freudenberg mit fliegenden Fahnen ins Lager der „Gegner“ übergelaufen.

Der „Gegner“ – das ist die Kunststoff Industrie, die mit „Lederersatzmaterial“ dem Leder den Markt streitig macht. Ihre erste Offensive zielte auf den Lederwarenbereich – die Marke „skai“ ist inzwischen zum Gattungsbegriff für das neue Material geworden. Hier haben die synthetischen Materialien inzwischen einen Marktanteil von rund 50 Prozent. Doch für die Lederindustrie ist das nur ein Teilmarkt. Nur zwanzig Prozent ihres Umsatzes, der im Schnitt der letzten Jahre rund eine Milliarde Mark betragen hat, macht sie mit den Lederwarenherstellern.

Jetzt hingegen will die Chemie einen Markt stürmen, der mehr als zwei Drittel des Lederabsatzes aufnimmt: Synthetische Materialien schicken sich an, dem Leder in der Schuhindustrie Konkurrenz zu machen. Und Richard Freudenberg bemüht sich nach Kräften, dabei mitzumischen. Schon jetzt ist er mit einem synthetischen Futtermaterial unter der Marke „Ceef“ im Geschäft. Gleichzeitig arbeiten seine Wissenschaftler an der Entwicklung eines synthetischen Materials, das an die Stelle des Oberleders treten kann.

Wenn auch in der angestammten Branche nicht mehr gut gelitten, so ist Freudenberg mit seinen neuen Interessen doch Mitglied eines Kreises von rund 20 Unternehmern in der ganzen Welt geworden, die entweder schon synthetisches „Schaftmaterial“ herstellen oder doch an der Entwicklung dieses Materials arbeiten. An der Spitze dieser Gruppe, steht der größte Chemiekonzern der Welt, die amerikanische Firma Du Pont, die auf dem amerikanischen Markt schon seit 1963 ihr Produkt Corfam anbietet. Bisher übrigens ohne durchschlagenden Erfolg, denn in den Jahren seit 1963 sind die Corfam-Schuhe über einen ganz bescheidenen Marktanteil nicht hinausgekommen.

Auf dem deutschen Markt liefen sich Du Pont und die Käufer von Corfam-Schuhen bisher Blasen. Nach zarten Anfangserfolgen vor zwei Jahren wurde es wieder still um den neuen Werkstoff. Weil die Zurichtung des von Amerika importierten Rohmaterials im belgischen Zweigwerk Mechelen nicht klappte, sagen die einen – weil die Schuhe gedrückt haben, die anderen. Zurichtung hin, Drücken her, das Material kommt jetzt fertig aus den USA. Und drücken werden Corfam-Schuhe immer, wenn man sie etwas zu klein kauft und darauf wartet, daß sie sich wie Lederschuhe dem Fuß anpassen. So lautet ein Branchenslogan: „Ein Corfom-Schuh, der einmal drückt, drückt immer.“

Womit es wohl an der Zeit ist, einige Worte über die unterschiedlichen Eigenschaften von Leder und seinen Konkurrenzprodukten – das Wort Ersatzprodukt weisen die Hersteller ebenso zurück wie den Begriff Kunstleder – zu verlieren. Leder paßt sich dem Fuß an, nimmt bis zu. 40 Prozent seines eigenen Gewichtes an Wasser auf und ist teuer. Corfam paßt sich dem Fuß nicht an, nimmt nur bis zu 8 Prozent des eigenen Gewichtes an Wasser auf und ist ebenfalls teuer.