Hamburg

Ein Diplom-Psychologe und eine Schauspielerin, ein Public-Relations-Mann, ein Drucker und eine Postbeamtin fanden sich in Hamburg zusammen und probten Bürgerinitiative: „Wir wollten einmal zeigen“, erklären sie heute, „daß auch der einzelne etwas tun kann, wenn staatliche Lethargie offizielle Bemühungen nicht zuläßt.“ Ihre Bemühungen galten der Verständigung mit Polen; das Resultat ihrer mehr als halbjährigen Vorbereitungsarbeit waren die Wochen der Begegnung mit Polen-, Kunstausstellungen, Dokumentationen, Vorträge, Lesungen, Filmvorführungen und Diskussionen – insgesamt rund 40 an der Zahl.

Daß es sich hierbei nicht – wie die Veranstalter meinen – um einen privaten Beitrag zur Aussöhnung und Völkerverständigung handelte, sondern um die „größte und erfolgreichste Umarmungsoffensive der Hamburger Kommunisten seit ihrem Verbot“ – dieses herauszufinden blieb „Christ und Welt“ vorbehalten. Der Berichterstatter des Stuttgarter Wochenblatts hatte schon frühzeitig Lunte gerochen: So meint er, daß schon die Gründung eines „Initiativausschusses“ die Hamburger Öffentlichkeit hätte zur Vorsicht mahnen müssen, und er fand es verdächtig, daß in der Liste der Förderer „auffallend viele Angestellte, Hausfrauen, Redakteure und Sekretärinnen mit Wohnsitzen in KP-Hochburgen an Rhein und Ruhr“ auftauchten (mindestens drei von über fünfzig).

Von diesen Einsichten bis zur Feststellung von „kommunistischen Hintermännern, Tarnorganisationen und Geheimdiensten“ als Drahtzieher, Finanziers und Organisatoren des Unternehmens war es dann nur noch ein kurzer Schritt, zumal „Christ und Welt“ als „Kopf des Unternehmens“ (was er nicht war) den „KP-Verleger“ (was er auch nie war) Max Kristeller ausfindig machte.

Tags darauf druckte (unter dem Titel „Geschickt unterwandert“) die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ die Mär von den bösen Kommunisten nach, die „als Polen-Schwärmer, Mandolinenspieler, Heinrich-Heine-Vertreter und Theaterjünger getarnt“ wochenlang die städtischen Versammlungssäle und sogar „die Lokalseiten der Hamburger Zeitungen beherrschten“.

Die Initiatoren des Projekts, zu deren Mitveranstaltern immerhin der DGB und CVJM, die „Neue Gesellschaft für politische Bildung“ und die Hamburger Jugendbehörde zählten, reagierten empört: Wolfgang Jakubzig, „Hauptverschwörer“ im Bürgerausschuß, hatte sich – wie seine Mitarbeiter – die „Begegnung mit Polen“ eine Menge Geld kosten lassen. Als eine angekündigte Sammlung polnischer Briefmarken ausblieb, kaufte er kurzerhand selber eine umfängliche Kollektion zusammen, um die Hamburger Philatelisten nicht zu enttäuschen. Jetzt sitzt er mit rund 10 000 Mark in der Kreide: „Diesen Schaden will ich gern tragen“, sagt er. „Aber diese Verleumdungen lassen wir uns nicht bieten.“ Er und einige seiner Freunde haben Strafantrag gestellt und Privatklagen eingeleitet. Für die Veranstalter dauern die polnischen Wochen noch an, „Was soll man groß unternehmen“, meint Schauspielerin und Ausschußmitglied Dorothea Moritz, „wenn ein kleiner Hund sein Bein hebt...“

Horst Dieter Ebert