Von Karl-Heinz Wocker

Als Harold Wilson am 22. April 1951 im Londoner St. Mary’s Hospital den kranken Premierminister Attlee besuchte und ihm seinen Rücktritt an der Seite Bevans ankündigte, schien die Karriere des Oxforder „Wunderknaben“ beendet zu sein. Wilson war 36 Jahre alt. Und man erinnerte sich, daß Churchills Vater ungefähr das gleiche Alter hatte, als er – ebenfalls aus Grundsätzen – sein Kabinettsamt niedergelegt hatte. Er erhielt nie wieder ein neues Amt. Der Vergleich war nicht weit hergeholt, und Winston Churchill selbst brachte ihn in Erinnerung, als er Wilsons Frau ausrichten ließ, sie möge das nicht so tragisch nehmen. Auch die meisten Zeitungen hielten den Beveridge-Adepten, der vier Jahre zuvor Englands jüngster Handelsminister aller Zeiten geworden war, für erledigt.

Neun Jahre später waren die Kommentatoren immer noch skeptisch, als Wilson vergeblich versuchte, Gaitskell den Parteivorsitz zu entreißen. Er erhielt noch nicht einmal die Hälfte der Stimmen, die auf den Leader entfielen, und nun schien er auch als Parteipolitiker aus dem Rennen gefallen zu sein. Doch knapp zweieinhalb Jahre danach war er Parteichef, anderthalb Jahre später Premierminister, und wenn er bis ans Ende der gegenwärtigen Legislaturperiode regiert, wird außer Asquith keiner der 15 britischen Kabinettschef dieses Jahrhunderts länger ununterbrochen amtiert haben als er.

Wilsons Erfolg kann nicht nur daran gelegen haben, daß Bevan und Gaitskell kurz nacheinander starben. Es kann auch nicht nur eine Frage von kaltem Ehrgeiz und kluger Taktik gewesen sein, wenngleich dies die Eigenschaften sind, die Wilson am häufigsten und nicht immer abschätzig zugeschrieben werden. Eher schon fällt eine enorme Zielstrebigkeit auf. Sie ist übrigens nicht auf seine politische Karriere beschränkt. Mit 18 Jahren, noch als Schüler, traf er auf einem Tennisplatz ein Mädchen, das ihn interessierte. Er warb sechs Jahre, ehe er sie heiraten konnte.

Der Vater war, als Harold Wilson geboren wurde, ein Mann der „unteren Mittelklasse“, Chemotechniker mit fünf Pfund Lohn in der Woche. Er wohnte im Textilarbeitergebiet von Huddersfield in Yorkshire. Die Triebkräfte dieses Mannes waren seine linksliberale Gesinnung und die kongregationalistische Konfession mit ihrem Element demokratischer Selbstverwaltung der Kirchengemeinde. Liberale Familienüberlieferungen, das Selbstbewußtsein einer ungegängelten Frömmigkeit und der internationale Aspekt der Pfadfinderbewegung (in der Herbert Wilsons ganze Familie begeistert tätig war) haben auch den Sohn Harold geprägt. Als Harold Wilson in Oxford den Universitäts-Labour-Club kennen lernte, stieß ihn die dort vorherrschende kommunistische Gesinnung um so mehr ab, als sie von revoluzzerischen Ex-Zöglingen der feinsten public-schools des Landes verbreitet wurde. Marx war für Wilson zwar ein großer Wirtschaftstheoretiker und Sozialforscher, aber nie ein politischer Messias oder auch nur dessen Prophet.

Der Musterstudent, der 17 von 18 möglichen Top-Noten beim Abschlußexamen erhielt, wäre um ein Haar in der Redaktion des Manchester Guardian gelandet, den einer seiner Vorfahren gegründet hatte. Doch wegen eines Artikels im „Economist“ wurde er nach Whitehall und in staatliche Dienste geholt. Das war Anfang des Zweiten Weltkrieges. An dessen Ende wäre der erfolgreiche Beamte, Experte für Arbeitsmarktfragen und Energiepolitik, womöglich wieder nach Oxford zurückgegangen, hätten sich nicht die Funktionäre der Labour Party damals um junge Kandidaten für die Unterhauswahl vom Sommer 1945 gerissen.

Einer seiner ersten Posten im Kriege war ironischerweise das Sekretariat eines gemeinsamen britisch-französischen Ausschusses für Fragen des Nachschubs von England zum Kontinent gewesen. Wilson fand sich im Dschungel der Ministerialbürokratie mit dem Spürsinn des boy scout-Patrouillenführers zurecht. Ein Beispiel: Als er für sein Buch über die britische Kohlenindustrie die Freigabe einiger Fakten benötigte, stachelte er einen Abgeordneten zu einer einschlägigen Frage an (die er ihm formulierte) und überredete dann die Kollegen des Energieministeriums zu einer erschöpfenden Auskunft im Parlament (die er ihnen präparierte).