Von Kurt Becker

Washington im Mai

Eine Gruppe führender deutscher Politiker vermochte sich in der letzten Woche in Washington davon zu überzeugen, daß trotz unübersehbarer Meinungsverschiedenheiten und vieler nicht mehr parallel verlaufender politischer Strömungen kein Anlaß besteht, den deutsch-amerikanischen Beziehungen einen besonders dramatischen Akzent zu verleihen. Und dieser Erkenntnis waren keineswegs schönfärberische Gespräche vorausgegangen. Vielmehr hatte ein Kreis von fünfzig Politikern, Wissenschaftlern und Männern der Wirtschaft auf der diesjährigen fünften deutsch-amerikanischen Konferenz sehr detailliert die nationalen Positionen der USA und der Bundesrepublik gegeneinander abgesteckt. Deutlich und unübersehbar wurden die Trennungslinien gezogen, denen gerade in den letzten Wochen diesseits und jenseits des Atlantiks viele pointierte Äußerungen des Mißmuts gegolten hatten.

Politikern wie Helmut Schmidt, Kurt Birrenbach, Ernst Majonica und Freiherr Guttenberg standen amerikanische Senatoren, Abgeordnete und Politologen gegenüber. Das Auftreten einiger Spitzenvertreter der amtlichen Hierarchie Washingtons – Eugene Rostow, William Bundy und Adrian Fisher beispielsweise – sorgte dafür, daß die inoffizielle Zusammenkunft nicht in geistreicher Unverbindlichkeit versickerte.

Freilich ließ der Sinn der Amerikaner für eine pragmatische Betrachtungsweise politischer Wahrheiten eine knisternde Stimmung gar nicht erst aufkommen. Auch waren die Amerikaner sehr angetan von der neuen deutschen Ostpolitik, so daß durch einen wichtigen Bereich der Übereinstimmung manche andere Disharmonie ausgeglichen wurde. Daher wirkte es denn keineswegs verkrampft, daß beide Seiten in den höheren politischen Regionen der großen und langfristigen Probleme die bindende Kraft übereinstimmender lebenswichtiger Interessen in der gemeinsamen Sicherheit und der Friedensstrategie verzeichneten. Auch das geschah völlig nüchtern – mit Genugtuung zwar, aber ohne jeden Anflug des einstigen Hochgefühls im deutsch-amerikanischen Verhältnis.

Aus dem deutsch-amerikanischen Dialog während dieser Konferenz über die Probleme der Entspannungspolitik, des Truppenabbaus in Europa, des Atomwaffensperrvertrags, des Vietnam-Krieges und der Kennedy-Runde lassen sich folgende Absichten und Beurteilungen herauskristallisieren:

Erstens: Die Einschätzung der Entspannung ist auch in Washington von großer Skepsis bestimmt. Die Amerikaner bezweifeln, daß es gelingen wird, den schon einsetzenden neuen Rüstungswettlauf aufzuhalten und ein Abkommen über den Verzicht auf ein Raketenabwehrsystem zu erreichen. Der militärische Faktor im Ost-West-Verhältnis erhält aufs neue größere Bedeutung und macht die unverändert anhaltende Rivalität zwischen den beiden Weltmächten wieder bewußter. Die amerikanische Tendenz, der Entspannungspolitik den Vorrang vor dem Bündnisinteresse zu geben, ist erheblich abgeschwächt. Über die Köpfe der europäischen Verbündeten hinweg soll, wie Unterstaatssekretär Katzenbach versicherte, keine Annäherung an die Sowjets gesucht werden.