Von René Drommert

Den meisten Festivals bekommt der Hautgout der Skandale.

Im vorigen Jahr ging es in Cannes immerhin noch um „Die Nonne“, die Diderot zur literarischen Grundlage hatte, seine schneidige Attacke gegen Kirche und Klöster. Diesmal, beim zwanzigsten Festival an der Côte d’Azur, ging es simpler zu. Den Anstoß gab zwar Stricks Verfilmung des „Ulysses“ von Joyce, aber nicht etwa die Frage der künstlerischen Qualität erregte die Gemüter (das Festival müßte erst erfunden werden, auf dem ein Aufstand der Massen gegen Schund stattfindet), sondern wieder einmal die Moral. Die französischen Untertitel des englischen Films, Joyce getreu, waren an allem schuld. Sie wurden bei der Vorstellung vor Journalisten noch gezeigt, bei der öffentlichen Abendvorstellung waren sie dann zum Teil schwarz überpinselt.

Der Regisseur Strick war empört. Er habe Anspruch, sagte er, daß sein Film in der originalen Fassung vorgeführt werde. Er verlangte – zu Recht – daß sein Film noch einmal gespielt werde, nicht verstümmelt. Seinem Wunsch wurde nicht entsprochen. Strick zog daraufhin seinen Film aus dem Wettbewerb, zurück und reiste ab.

In dem offiziellen Bulletin konnte man ein paar Tage später in der Spalte „Tagebuch eines Lügners“ lesen, die Festspielleitung halte für Journalisten die strittigen Untertitel zur Verfügung. Sie wolle doch sehen, welche Zeitung die Kühnheit hätte, sie zu veröffentlichen.

Die eigentlichen Schwierigkeiten der Ulysses-Verfilmung wurden dabei übersehen. Der Film ist, obwohl er glänzende Bausteine (Darstellung, Regie, Kamera) hat, verfehlt: schon im Prinzip. Die Kluft zwischen Literatur und Film, in tausend Fällen nur unzureichend zu überbrücken, ist hier um einiges vertieft. Da ist der spezifische Wechsel der Erzählstandpunkte, da ist das philologische, prüfende Verhältnis zur Sprache, da sind die inneren Monologe. Der Regisseur verfiel in den Irrtum, daß er solche Monologe von innen nach außen, ins trivial-realistische Bild projizieren und dabei noch den Charakter des Joyceschen Werkes wahren könne.

Proteste wären an anderer Stelle weit besser angebracht gewesen, zum Beispiel bei der Eröffnungsvorstellung. Man spielte (außer Konkurrenz) „J’ai tue Raspoutine“ (Ich tötete Rasputin) von Robert Hossein. Der Film ist nach den Memoiren des Fürsten Jussupow gedreht. Was in Wirklichkeit ein psychologisch diffiziles Kapitel Geschichte am Hofe Nikolaus II. ist, erscheint in dem französischen Film als Schauerdrama. Schon mit Gert Froebe, der in schwarzer Perücke die Titelrolle spielt, ist das Schicksal des Films besiegelt: ein wogender und tobender Fleischkoloß ohne Dämonie, da wird Rasputins