Von Hildegard Hamm-Brücher

Zwischen dem englischen und dem französischen Bildungssystem, nur durch Ärmelkanalbreite voneinander getrennt, liegen Welten. Verantwortlich dafür sind unterschiedliche Bildungstraditionen und politisch-soziale Entwicklungen.

Während in Frankreich alle bildungspolitische Macht von der Pariser Administration ausgeht und Fortschritt auf dem Verwaltungswege verordnet wird, sind es in England gesellschaftspolitische Kräfte, die ihn erkämpfen.

Während dem französischen Bildungswesen eine auf dem Reißbrett vorzüglich durchdachte un- und überparteiliche Reform gleichsam übergestülpt wird, kristallisiert sie sich in England als eine durch und durch politische Konsequenz aus vielen öffentlich konkurrierenden und mitverantwortlich agierenden Faktoren.

Französische Schulreform geschieht aus Staatsräson, englische aus demokratischer Überzeugung.

Trotz aller Unterschiede aber steuern Frankreich und England bildungspolitisch letztlich in die gleiche Richtung: Beide Staaten sind entschlossen, mit ihrer Bildungstradition in entscheidenden Punkten zu brechen und überall dort, wo ihre Systeme – gewollt oder ungewollt – eine ständische Auslese betreiben, radikal zu reformieren.

Die Lösung heißt in Frankreich und England gleichlautend: Gesamtschulen – mehr oder weniger differenziert und unterschiedlich organisiert vielleicht, aber in jedem Fall Schulen, die die Entscheidung über den endgültigen Bildungsweg der Kinder um mindestens fünf Jahre über das zehnte Lebensjahr hinaus offenhalten.