Die Springreiter gehören als Parcourshelden zu den Lieblingen des großen Fernsehpublikums – die Dressurreiter aber, ihre Kollegen, werden, wenn überhaupt, nur aus kühler Distanz betrachtet. Die Fußgänger und sogar die Masse der heutigen Autofahrer sehen in diesen Damen und Herren in Frack und Zylinder, die so betont aufrecht, fast bewegungslos im Sattel sitzen, wohl mehr unbewußt einen soziologischen Anachronismus. Die Dressurreiter werden schon deshalb nie volkstümlich werden. Zum Schausport fehlt außerdem die Dramatik. Unser Autor, ein Mann vom Fach, glaubt allerdings, es sei die mangelnde Information des Publikums, das sich doch auch von den komplizierten Sprüngen des Eiskunstlaufs faszinieren lasse. Wenn man das Dressurreiten mit dem Eiskunstlauf vergleicht, müßte man aber wohl doch die „Pflicht“ und nicht die „Kür“ heranziehen. Auch dort gibt es keine dramatischen Sprünge, und auch dort sind die Ränge leer. Selbst beim Eistanz, wo die Grazie hinzukommt, die Sprünge und Hebefiguren verboten sind, ist es nicht viel besser. Es fehlt der Pfeffer, wie er in der Spanischen Hofreitschule, die nur ein ausverkauftes Haus kennt, mit Levade, Courbette, Pesade und Kapriole vorhanden ist. Die Schwierigkeit eines Doppel- oder Dreifachsprunges auf dem Eise wird jedem Laien sofort klar, die Virtuosität einer perfekten Lektion bei der Dressurprüfung erkennt aber nur der Kundige.

Auch die großartigen Erfolge bei der ersten Weltmeisterschaft im Dressurreiten im August vorigen Jahres in Bern, wo die deutsche Olympiamannschaft mit Josef Neckermann, Dr. Reiner Klimke und Harry Boldt in der Gesamtwertung überlegen siegte – hinzukam noch der erste Platz von Neckermann in der Einzelwertung, vermochte nicht das Interesse des großen Publikums für diese so anmutige Disziplin des Sportes zu wecken.

Fehlt die geeignete Kommentierung, die diese als „Schwarze Kunst“ bezeichnete Sportart aufzuhellen vermag, oder sind die Wege bisher noch nicht beschritten worden, um die Lektionen verständlich zu machen? Wie soll sich ein Laie auch durch die recht schwierigen Bewertungssysteme hindurchfinden, wenn ihm keine Gelegenheit geboten wird, sich mit der Beurteilung einer Dressurübung vertraut zu machen. Die Turnierberichterstattung nimmt in der Presse schon einen sehr geringen Raum ein, und die Dressurprüfungen werden fast nur mit dem Ergebnis erwähnt.

Sicher, der Reitsport ist kein Volkssport, aber auch die schwierigen Figuren im Eiskunstlaufen werden von vielen Laien verstanden. Die Figuren Lutz, Rittberger, Axel sind durchaus mit den Lektionen einer Dressurprüfung Klasse 5 zu vergleichen. Aber wo bleibt im Dressurreiten die erforderliche Unterrichtung für das fachlich nicht geschulte Publikum? Entscheidende Beiträge im Fernsehen und in der Presse fehlen nach wie vor. Deshalb möchte ich mich hier als Dressurreiter einmal an ein allgemein sportbegeistertes Publikum wenden.

Man muß die Dressurreiterei in möglichst einfacher Form den Zuschauern verständlich machen. Bei Xenophon, der schon in der Antike ein klassisches Reitlehrbuch „Über die Reitkunst“ verfaßte, wollen wir nicht gerade beginnen, aber bei den Italienern, die bereits im 16. Jahrhundert in Neapel die erste Reitschule errichteten. Bald gab es damals in Europa eine große Zahl vermeintlicher Reitkünstler, die aber oft nur Scharlatane waren.

Als dann im 18. Jahrhundert Fischer von Erlach die Spanische Hofreitschule in Wien, jenen spätbarocken Festsaal, erbaute, wurde die Diessurreiterei später als Schaureiten einem breiteren Publikum zugänglich. Bis zum heutigen Tag zeigen dort die Bereiter auf ihren Lipizzanerhengsten Ausschnitte aus den Lektionen der Hohen Schule, „auf der Erde“ und „über der Erde“. Und wer je das Glück hatte, eine dieser herrlichen Vorführungen, die auch ein Stück lebendig gebliebenes Rokoko sind, zu erleben, dem wird dies unvergeßlich bleiben.

Lange Zeit war das Pferd in der Kavallerie der Kriegskamerad des Menschen. Heute besitzt aber die Bundeswehr, wie viele andere Armeen, keine Pferde mehr. Die Technik, die Maschinen, haben das Pferd als Reit- und Zugtier überflüssig gemacht. Das waren noch Zeiten, als General von Ziethen als Signal zur Attacke seine Pfeife hoch warf.