Neu Delhi, im Mai

Mit all dem Pomp, zu dem Indien fähig ist, wurde am Pfingstsamstag der neue Präsident in sein Amt eingeführt. Noch vor 14 Tagen galt es keinesfalls als selbstverständlich, daß dem greisen Religionsphilosophen Dr. Radakrishnan der bisherige Vizepräsident Dr. Husain automatisch folgen würde – wie das bei allen bisherigen Präsidentenwahlen der Fall war. Innerhalb der Kongreßpartei hatte es starke Auseinandersetzungen um Husains Kandidatur gegeben.

Husain gehört als Mohammedaner einer Minderheit des vorwiegend hinduistischen 500-Millionen-Volkes an. Zum anderen gilt er als Vertreter des Nordens, der ohnehin schon alle wichtigen Positionen in der Regierung okkupiert. Diese Situation suchten die sieben Oppositionsparteien auszunützen, indem sie einen Repräsentanten des Südens und einen Hindu, den bisherigen Obersten Richter Subba Rao, zu ihrem gemeinsamen Kandidaten machten. Die Opposition spekulierte dabei offensichtlich auf orthodoxe Überläufer aus dem Kongreßlager.

Die Ministerpräsidentin Indira Gandhi boxte dennoch ihren Kandidaten gegen alle Widerstände in der eigenen Partei durch. Sie spielte mit hohem Einsatz – denn ein Sieg des Oppositionskandidaten Subba Rao hätte sie mit Sicherheit ihre eigene Position gekostet. Als am 9. Mai die Auszählung der Stimmen des Wahlmännergremiums beendet war, hatte Dr. Husain einen doppelt so hohen Vorsprung vor seinem Konkurrenten errungen, als es der Kongreß selbst vorausgesagt hatte. Für Indira Gandhi war dies ein glänzender Triumph und für die Kongreßpartei, nach dem Debakel der Parlamentswahlen im Februar, ein hochwillkommener Erfolg.

Dem 80jährigen, von der Bürde seines Amtes sichtlich erschöpften Philosophen Dr. Radakrishnan, durch den „Pour le mérite“ und den Friedenspreis des deutschen Buchhandels Deutschland verbunden, folgt nun der 70jährige Philologe Dr. Husain. Er ist geistig vielleicht noch stärker in Deutschland zu Hause. Von 1922 bis 1926 studierte er an der Humboldt-Universität in Berlin und promovierte dort summa cum laude bei Professor Werner Sombart. Noch immer spricht er mühelos Deutsch, kennt sich in der neueren deutschen Literatur und Philosophie aus.

Schon vor seinem Deutschlandaufenthalt hatte sich Zakir Husain der zivilen Ungehorsamkeitsbewegung Mahatma Gandhis angeschlossen. Gandhi blieb sein Idol auch in den späteren Jahren. Mit ihm zusammen arbeitete er 1937 die Grundlagen des künftigen indischen Erziehungssystems aus. „Work is worship“ schrieb Dr. Husain einmal – eine Äußerung, die indischen Ohren fremd, deutschen sehr viel vertrauter klingt. Klaus Stiebler