Von Manfred Triesch

Wenn ein Buch „Dantes System der Hölle“ heißt, begibt sich der Rezensent an das Regal, auf dem die Italiener stehen. In diesem Fall aber sieht er sich um alle Analogien gebracht –

Leroi Jones: „Dantes System der Hölle“ (Originaltitel: „Dante’s System of Hell“), aus dem Amerikanischen von Klaus Hofmann; Joseph Melzer Verlag, Darmstadt; 184 S., 16,80 DM.

Zwar stehen sie bei Leroi Jones alle im Inhaltsverzeichnis, ganz systematisch – Lüsterne, Geizige, Ketzer, Schmeichler, Heuchler, Diebe und die anderen Bösewichter. Auch über den Kapiteln stehen die Themen der neun Kreise. Man wird unruhig und liest bei Dante nach. Minos, ja; Kleopatra und Helena, Tristan und Kapaneus, alle mit schlechten Aussichten für Josaphat. Der Rezensent wundert sich, davon hatte er bei Leroi Jones nichts gefunden. Der Klappentext hat recht: Die Anleihe bei Dante beschränkt sich auf die moralische Geographie. Weder inhaltlich noch strukturell zieht das Buch irgendwelchen Nutzen aus der Berufung auf den Meister.

Der Roman ist von einem amerikanischen Neger geschrieben, von einem gebildeten („Ich war gebildet und unterhielt mich mit hellhäutigen Frauen“). Auf der vierten Seite erwähnt er Bach, Händel und Beckett, auf der ersten weist er mit „égalité“ auf die Prinzipien der Französischen Revolution hin, später läßt er einfließen, daß er sich in der Bibel auskennt (Hiob) und auch in der neueren Literatur: Kafka, Hardy, Eliot, Cummings, Joyce, Keats und Appollinaire. Rachmaninoff wird auch beschworen, niemand kennt „Die Toteninsel“ außer unserem Helden-Autor, der in den Slums von Newark aufwuchs, im Buch wie in der Wirklichkeit.

Es ist nicht ungewöhnlich, in einem Buch das Verzeichnis seiner Bibliothek mitzuliefern. Für die Nachwelt ist das nützlich, außerdem verrät es Bildung. Gelehrsamkeit war einst das Verbrechen Eliots, auch das Joyces. Die Zeiten haben sich geändert, Jones brauchte den Vorwurf nicht zu scheuen. Er nennt Joyce und Eliot in seinem Buch. Joyce nennt Keats und setzt sich dann mit dessen ästhetischer Theorie auseinander, Jones nennt ihn auch und beläßt es dabei. Die Namen haben keine Funktion, so wenig wie Dantes Hölle.

Joyce ist die Ausnahme. Nicht im äußeren Muster. Die Verarbeitung der Homerschen Vorlage bei Joyce läßt keinen Vergleich zu mit der allgemeinen Anspielung auf Dante bei Jones. Die Analogie liegt in der literarischen Theorie und in deren sprachlichem Ausdruck. Bei Joyce durchdringen die Formen der Lyrik, Epik und Dramatik einander, bilden ein natürliches Kontinuum und variieren die Stellung des Autors beständig. Jones hat versucht, die drei Formen und ihre Möglichkeiten gleichermaßen zu nutzen. Der erste Teil des Buches ist lyrisch-assoziativ, ein kleiner Mittelteil dramatisch, der beste Teil ist episch.