Th. S., Saigon, im Mai

Der Vietnamkrieg wird gefährlicher. Die Amerikaner haben sich in den letzten Wochen immer dichter an die Stadtzentren von Hanoi und Haiphong herangebombt. Johnson ist außerdem drauf und dran, eine weitere Sprosse auf der Eskalationsleiter zu erklimmen und noch einmal 50 000 Soldaten nach Südvietnam zu schicken. „Mehr vom selben“, heißt das Rezept. Aber daß es den gewünschten Erfolg erziele, ist ebenso zweifelhaft wie bei den früheren Eskalationsschritten.

Fünfzigtausend Mann Bodentruppen sind nach der Natur des Krieges nur ein Tropfen auf den heißen Stein; und Nord Vietnam wird sich durch noch intensivere Bombardierung noch weniger an den Verhandlungstisch bringen lassen als zuvor. Die Verstärkung der amerikanischen Truppen hat bisher noch jedesmal bloß eine Verstärkung der kommunistischen Verbände nach sich gezogen – durch gesteigerte Infiltration aus dem Norden oder vermehrte Rekrutierung in Südvietnam selber. Und was die Luftangriffe angeht, so glaubt nicht einmal McNamara daran, daß sie Ho Tschi Minh in die Knie zwingen könnten. Sie werden aus Verlegenheit intensiviert. Das rein militärische Denken nimmt überhand, weil die Politik außer Atem kommt.

Dabei wächst die Gefahr eines Zusammenstoßes zwischen Amerika und den beiden kommunistischen Großmächten. Delden: denn seit März haben sich China und Rußland wenigstens in ihrer Vietnampolitik ein Stückchen zusammengerauft. Noch bedeutsamer aber ist, daß sich die Sowjetunion desto kräftiger wieder in Indochina einschaltet, je stärker Nordvietnam mit physischer Vernichtung bedroht wird. Breshnews Hilfsversprechen in Sofia – „Unsere Reaktion wird den Erfordernissen einer wirksamen Antwort voll entsprechen“ – ist offensichtlich ernst gemeint. Die Eröffnung einer neuen pazifischen Nachschubroute (in deren Nähe es vorige Woche zu den beiden Kollisionen mit einem amerikanischen Zerstörer kam) erlaubt daran wenig Zweifel.

Die Warnung des UN-Generalsekretärs U Thant vor einem dritten Weltkrieg und die päpstliche Friedensmahnung von Fatima mögen den Akzent zu dramatisch gesetzt haben. Sie lassen jedoch in einem Augenblick aufmerken, da Präsident Johnson erneut zur Eskalation aus Ratlosigkeit seine Zuflucht nimmt – obwohl die unausweichliche Gegeneskalation lediglich das Schlachtfeld-Patt auf eine höhere Ebene heben wird und zugleich die Risiken der Großmächte-Konfrontation vervielfältigt.