Von Sandra Sassone

Rom, im Mai

Die Worte „Staatsstreich“ und „Militärputsch“ haben in Europa seit den jüngsten griechischen Ereignissen wieder einen härteren, weniger romanhaften Klang erhalten. Der Europäer, der mit ihnen bisher fast ausschließlich die Vorstellung von entfernten nahöstlichen, afrikanischen oder südamerikanischen Machtkämpfen verband, ist gewarnt. Athen liegt nicht „weit hinten in der Türkei“. Es ist die Wiege des alten Kontinents, von Rom aus im Flugzeug ebenso schnell zu erreichen wie Frankfurt oder Paris.

So mag es nicht weiter verwundern, daß heute in Italien nach dem Coup der griechischen Obristen die Sensibilität für Berichte und Gerüchte über dunkle Machenschaften des italienischen Offizierskorps stärker geworden ist, als sie es je seit Kriegsende war. Das erste deutliche Anzeichen dafür lieferte kürzlich die öffentliche Polemik um den Geheimdienstskandal. Die Tatsache, daß der militärische Abwehrdienst SIFAR zehn Jahre lang illegal Geheimdossiers über das Privatleben prominenter demokratischer Politiker führen konnte, schien im Lichte des Militärputsches von Athen bedenkliche Dimensionen anzunehmen. Nur mit Mühe gelang es der Regierung Moro, die Einsetzung eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses zu verhindern.

Kaum hatte sich die allgemeine Erregung über diesen Fall einigermaßen gelegt, wurde die italienische Öffentlichkeit in der vergangenen Woche durch einen zweiten, noch lauteren Schreckschuß beunruhigt. Die linksradikale (nicht kommunistische) römische Wochenzeitschrift „L’Espresso“ behauptete, daß im Juli 1964 der damalige Staatspräsident Segni und der in die SIFAR-Affäre verwickelte General de Lorenzo einen Staatsstreich vorbereitet hätten. Im einzelnen gab das Blatt die folgende Darstellung von den Vorgängen, die sich während der ersten schweren Krise der von Ministerpräsident Moro geleiteten Mitte-Links-Koalition hinter den Kulissen abgespielt haben sollen:

Nach dem Rücktritt des ersten Kabinetts Moro am 26. Juni 1964 sei Segni nur mit Mühe zu bewegen gewesen, den Auftrag zur Regierungsneubildung wieder an Moro zu geben. Als sich dann die Koalitionsverhandlungen zwischen den Christlichen Demokraten, den Sozialisten, den Sozialdemokraten und den Republikanern in die Länge zogen, habe er – auf dem Höhepunkt einer ernsten Wirtschaftskrise – Mitte Juli erwogen, ein Notstandskabinett der Fachleute einzusetzen. Da nun eine solche Regierung seiner Meinung nach nicht das Vertrauen des Parlaments erhalten hätte und unter Umständen das Parlament aufgelöst werden müßte, habe Segni den damaligen Chef der Carabinieri-Truppe, General de Lorenzo, um Auskunft gebeten, ob das Militär notfalls Ruhe und Ordnung garantieren könne.

Segni und de Lorenzo seien bei diesem Gespräch übereingekommen, einen noch aus der Zeit de Gasperis stammenden Geheimplan zur Unterdrückung innerer Unruhen der neuen Lage anzupassen. Dieser Plan habe in seiner auf den letzten Stand gebrachten Form die militärische Besetzung der Parteihauptquartiere und die Internierung zahlreicher – auch christlich-demokratischer – Politiker auf der Insel Sardinien vorgesehen. Am 14. Juli habe de Lorenzo vor 13 Generalen und einem halben Dutzend Obersten im Hauptquartier der Carabinieri einen entsprechenden Lagebericht gegeben und erklärt: „Wir stehen vor entscheidenden Stunden. Die Nation, vertreten durch die höchste Autorität, ruft und braucht uns. Wir müssen uns bereithalten für die Aufgaben, die uns übertragen werden.“