„Wenn man eine Gemeinschaft will, die funktioniert, dann muß man an ihre Spitze Leute setzen, die auch in der Lage sind, diese Gemeinschaft zum Funktionieren zu bringen.“

(EWG-Außenkommissar Jean Rey am 15. 11. 65)

EWG-Präsident Hallstein hat die „Europäer“ in zwei Lager gespalten: Die Mansholt-Anhänger und die Rey-Anhänger. Schuld daran ist, daß Hallstein zum Verzicht auf das Amt des ersten Präsidenten der aus den drei europäischen Spitzenverwaltungen der EWG, der Euratom und der Montan-Union entstehenden künftig einzigen Super-Behörde von Paris und Bonn gezwungen wurde. Ein Vorstoß der Brüsseler EWG-Kommission zugunsten Hallsteins muß Intermezzo bleiben: Die Regierungschefs der sechs Mitgliedsländer werden zwar die Solidaritätsaktion aus Höflichkeit auf der Gipfelkonferenz in Rom am 30. Mai erwähnen – mehr aber auch nicht. Nach dem „Arbeitsessen“ der Außenminister und Staatssekretäre der Mitgliedstaaten am vergangenen Donnerstag in Brüssel ist eines klar: Niemand macht sich mehr für Professor Walter Hallstein stark.

So konzentriert sich das Interesse ganz auf die Nachfolge, zumal hierbei auch über den künftigen Weiterbau der EWG entschieden wird. Dem ist Hallstein selbst als erster zum Opfer gefallen. Wird das zweite Opfer EWG-Vizepräsident Sicco Mansholt sein, der bisher zusammen mit Hallstein den politischen Kurs der Brüsseler Europabehörde bestimmt hat?

Eines ist sicher: Mansholt ist und kann Frankreichs Staatschef de Gaulle so wenig genehm sein wie Walter Hallstein. Dafür hat der robuste und beharrlich seine Ziele verfolgende Holländer de Gaulles Europapolitik mehrmals zu nachdrücklich in der Öffentlichkeit verurteilt. Zum erstenmal nach dem Zusammenbruch der Englandverhandlungen im Januar 1963, zum zweitenmal nach dem Ausbruch der EWG-Krise am 1. Juli 1965.

Im Gegensatz zu dem General ist Mansholt – schon als Niederländer – überzeugter Anhänger der Integration. „Die europäische Integration bezweckt“, meint er, „die unbeschränkte nationale Allmacht zu vermindern und einem Gemeinschaftsrecht zu unterwerfen. Dies ist für die Niederländer mehr als bloß ein akzeptabler Grundsatz: Er gibt nämlich einem kleinen Land, das sonst ein Spielball machtpolitischer Erwägungen wäre, das unveräußerliche Recht, sein Schicksal mitzubestimmen.“

Unter diesem Gesichtspunkt ist de Gaulles Europapolitik mit dem Ziel, ein „Europa der Vaterländer“ zu schaffen, bei dem es nur zu losen, zwischenstaatlichen Verbindungen, Koalitionen von Nationen kommt, für Mansholt ein Rückfall in die Vergangenheit. So sieht Mansholt im übrigen auch den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag, nach dessen Wiederbelebung Hallstein zum Verzicht auf den höchsten Posten, den das vereinte Europa der Sechs bisher zu bieten hat, provoziert wurde. Die Frage ist, ob die neu erstarkte deutsch-französische Zuneigung nun auch noch Mansholts Chancen auf dieses Amt zerstört, vor allem, nachdem Paris offenkundig bereits „seinen“ Kandidaten, den belgischen EWG-Außenkommissar Jean Rey, erkoren hat.