"Josef Scharl" (Berlin, Galerie Nierendorf): Mit dieser Gedächtnisausstellung zu Josef Scharls 70. Geburtstag unternimmt die Galerie Nierendorf den zweiten und hoffentlich erfolgreichen Versuch, den hervorragenden Maler, der 1938 nach Amerika emigrierte, in Deutschland und der deutschen Kunstgeschichte wieder einzubürgern. Die Kollektion umfaßt rund 60 Gemälde, die zum größeren Teil in Deutschland noch nicht zu sehen waren, von den frühen zwanziger Jahren bis 1954, dazu Zeichnungen und Druckgraphik. Sie bleibt bis zum 7. Juni in Berlin und wird anschließend für anderthalb Jahre durch Westdeutschland wandern.

Es handelt sich, um Mißverständnissen vorzubeugen, nicht um einen Akt politischer Wiedergutmachung. Es geht um den Maler, um seine künstlerische Anerkennung. Bilder wie "Stiftungsfest", "Einsamer Mann", "Bürgerliches Paar", "Vertreibung aus dem Tempel" gehören zum bleibenden Bestand in der deutschen Malerei der zwanziger Jahre. Die gesellschaftskritische Thematik teilt er mit Grosz und Dix, freilich fehlt jedes anklägerische Pathos, aber auch die Brutalität der Dixschen Formulierungen. Breite dunkle Konturen geben den Gestalten die lapidare Form definitiver Entschiedenheit. Als Landschafter hat er nicht den gleichen Rang. Der visuelle Eindruck wird energisch auf ornamentale Strukturen reduziert, mit unterschiedlichen Ergebnissen. Bei den späten amerikanischen Bildern mündet das Prinzip radikaler Vereinfachung oft in einem starren Formschematismus. Die Porträts stehen in der expressionistischen Tradition, darin trifft sich Scharl mit Pankok, Felixmüller oder Meidner, die ihre ungehemmte Liebe zu van Gogh teuer bezahlt haben. Man soll aber den endlich zurückgekehrten Maler nach seinen besten Bildern beurteilen. Scharls Platz ist nicht in dem Haufen der deutschen Spät- und Nachexpressionisten.

  • "Hans Bellmer – Unica Zürn" (Hannover,Galerie Brusberg): Gleichzeitig mit der Bellmer-Retrospektive in der Kestner-Gesellschaft bringt Dieter Brusberg, was dort nicht zu sehen ist: das graphische Oeuvre. Es hat nur geringen Umfang, Wieland Schmied beziffert es in seinem Werkkatalog auf etwa 80 Blätter, er erklärt diese auffällige Tatsache mit der extremen Erfolglosigkeit des Künstlers, viele Jahre fand sich kein Verleger, der Bellmers Platten für "Madame Edvarda" und "Mode d’emploi" hätte drucken wollen, erst in jüngster Zeit hat die graphische Produktion, der Nachfrage entsprechend, rasch zugenommen.

Die Graphik bedeutet nichts grundsätzlich Neues gegenüber den Zeichnungen, es handelt sich fast immer um wörtliche übernahmen der in der Zeichnung gestalteten Motive, die allerdings in dem neuen Medium nichts von ihrer belezza, ihrer Schärfe und Akribie einbüßen. Bellmer ist auch als Graphiker erfinderisch, die Radierungen zu "Madame Edvarda", die innerhalb des graphischen Oeuvres doch wohl die Spitze darstellen, sind mit Kaltnadel, Rubin und Stahlstich gearbeitet. 60 Blätter, von den seltenen frühen Drucken bis zur Radierung "Orakel und Spektakel" von 1967, sind bis zum 6. Juni ausgestellt. Arbeiten von Unica Zürn, Bellmers Lebensgefährtin, zusammen mit Bellmer zu zeigen, fordert Vergleiche heraus, die nicht zugunsten der Künstlerin ausfallen. Man braucht die Echtheit ihrer Halluzinationen nicht in Zweifel zu ziehen, sie sind durch die Biographie, die wechselnde Aufenthalte in psychiatrischen Kliniken nicht verschweigt, hinreichend verbürgt. Aber ihre "Oracles et Spectacles" wirken wie dekorative Häkeleien über Bellmersche Themen.

Gottfried Sello