Der Mond spiegelt sich in dem dunklen Dorfteich wie ein rundes, schläfriges Auge. Glockenschläge. Geruch nach Kuhstall, Seifenlauge und Meer. Über der Dorfstraße schimmert ein Transparent wie ein Leuchtfeuer ins Nichts: Zimmer frei. Das gilt für das ganze Dorf: ein Relikt der jüngsten Vergangenheit, ein Signal unbeirrbarer Zuversicht. In dem Dorf Großenbrode an der Ostsee sind die Fremdenzimmer frei.

Großenbrode, das lag einmal am Ende der Welt, in der letzten Ecke von Schleswig-Holstein. Meer von drei Seiten und über dem Sund die Insel Fehmarn. Am Großenbroder Kai ankerten die großen Fährschiffe nach Gedser in Dänemark, und an der Straße zum Hafen standen die Vermieter mit Schildern: Zimmer frei. Damals war Großenbrode das reichste Dorf weit und breit. Bis die Brücke gebaut wurde.

1963 wurde die Brücke über den Fehmarn-Sund gebaut. Seither geht der Verkehr der Vogelfluglinie auf der Europastraße 4 an dem Dorf Großenbrode vorbei. Die Fähren liegen am Kai von Puttgarden auf Fehmarn. Großenbrode wurde über Nacht arbeitslos, verwandelte sich in das, was es immer war: ein altes Dorf am Meer, ein Bauerndorf von 2100 Einwohnern, mit hölzernem Glockenturm und Dorfkrug, Kopfsteinpflaster, Klatsch, freiwilliger Feuerwehr und bescheidenem Gemeinde-Etat. Die neue Brücke auf der Vogelfluglinie schmälerte die Einkünfte des Dorfes um jährlich ungefähr eine Viertelmillion.

Die konservativen Dorfältesten, von der veränderten Situation wie vom Donner gerührt, konnten sich lange nicht zu Entschlüssen durchringen. Doch dann erwachte der alte kämpferische Geist der Männer mit den Namen Reise und Kruse. Sie entsannen sich ihres ungenutzten Reichtums: Meer von drei Seiten, Sandstrände und jodhaltige Luft. Sie wählten einen neuen Bürgermeister, einen Reise, und beschlossen: Großenbrode wird Ostseebad.

Den Plänen der Dorfgewaltigen war der Pächter der Restauration auf den Fährschiffen, Friedrich Stegmann, mit Taten vorangeeilt. Als die Brücke über den Fehmarn-Sund eingeweiht wurde, eröffnete er an der Europastraße 4, auf einem Aussichtshügel zwischen den Stränden, das moderne und komfortable Hotel „Baltic“. Um diese Zeit gelang es dem Wirt des „Großenbroder Fährhauses“ (an der ebenfalls verwaisten Anlegestelle der Fähre zur Insel gegenüber), Grundstücke für eine Feriensiedlung von etwa 60 Häusern in Erbpacht bis zu höchstens 45 Jahren zu vergeben.

Das war der Beginn. Inzwischen stehen im Osten des meerumschlungenen Großenbrode 40 und im Westen weitere 30 Häuschen zum Preis von etwa 50 000 Mark. Grundstück pro Quadratmeter, nicht erschlossen: 12 Mark.

Das Ostseebad (mit Kurtaxenberechtigung) an der Brücke ist noch ein Ostseebad im Rohzustand. Vollzählig sind bisher nur die Wegweiser zu den beiden Stränden sowie zu allen Wirtschaften und Gasthöfen. Am „Südstrand“, der geographisch im Osten liegt, gibt es zunächst nur einen Kinderspielplatz, einen befestigten Spazierweg und einen Zeltplatz. Doch das sind nur die ersten Anzeichen großer Ereignisse.