Von Wolfgang Boller

Wohin man auch schaut: blühende Wiesen und rote Sandsteinfelsen. Rot ist die Kant... Und wohin man schaut: kleine Möwen und gestrickte Pudelmützen, billige Schnäpse und Wasser. Helgoland. Das ist eine Insel wie ein Leberkäs, mit einem Leuchtfeuer und einer Kirchturmspitze, einer Düne und einer Landungsbrücke, an der die weißen Schiffe nicht anlegen. Was erklärt eigentlich die magische Anziehungskraft des Eilands?

Im letzten Jahr kamen 588 000 Menschen mit der Seebäderflotte nach Helgoland, die meisten von Hamburg und Cuxhaven. Die Tagesgäste hatten auf der Insel vier Stunden Zeit. Jeder zehnte ließ sich zur Düne übersetzen, um unabhängig von Ebbe und Flut (Tidenhub etwa zwei Meter) im Meer zu baden, jeder dritte besuchte das geheizte Meerwasserschwimmbad, jeder zweite ging einmal um die Insel herum, und alle kauften, zumindest das Erlaubte, zollfrei ein: eine Flasche Branntwein und vierzig Zigaretten oder zehn Zigarren oder 50 Gramm Rauchtabak, außerdem Reisemitbringsel bis zu 100 Mark. Doch das erklärt noch nichts.

Auf der kleinen Felseninsel gibt es sieben Hotels und rund 200 Fremdenheime und Privatquartiere mit insgesamt 2800 Betten. Das sind fast so viele Betten wie Einheimische. Außerdem kann man auf der Düne in Bungalows und Zelten übernachten. In der Saison sind die Feriengäste in der Überzahl.

Natürlich ist Helgoland kurzweiliger als es dem flüchtigen Besucher mit seiner knappen Stundenfrist vorkommen mag. Einmal die 181 Stufen hinauf zum Oberland und in einer Stunde einmal rundherum auf dem Klippenrandweg – da wäre einer doch allzu schnell fertig mit dem einsiedlerischen Stück Landschaft und Leben mitten in der Nordsee, mit diesem grünen Land ohne Bäume und Automobile. Man kann zum Beispiel eine Pauschalkur machen, 14 Tage für 72 Mark und 35 Mark für die Verlängerungswoche. Im Kurmittelhaus gibt es warme Seewasserbäder, Inhalationen, Kneippanwendungen, Sauna und Massagen.

Und man kann mit autochthonen Fischersleuten zum Dorschangeln aufs weite Meer hinausfahren oder auch den Grundhai jagen. Helgoland ist geschmückt mit Kurpromenade und Kurkonzerten, einem Nacktbadestrand und einem Aquarium, und im Sommer kann sich der Gast an Lampionfahrt, Tennis und Trachtentänzen erfreuen. Kürzlich wurde ein „Haus des Kurgastes“ mit dem lange sorgfältig geheimgehaltenen Namen „Nordseehalle“ eingeweiht, eine handliche Kongreßhalle mit 700 Sitzplätzen, einer Bühne für Theater und Film, mit Ruhehalle, Kegelbahnen und Sportschießständen.

Doch all dies ist keine hinreichende Erklärung für die Faszination, die das Eiland auf Urlauber, Kegelvereine und Kaffeekränzchen ausübt. Oder ist es einfach so, daß das grüne Land und die rote Kant und der weiße Sand, die Farben von Niedersachsen, ein mächtiges Symbol sind und jeder Deutsche ein wenig Helgoland im Herzen trägt? Die Einheimischen nennen ihr Felsennest (im Landkreis Pinneberg) gern eine Insel der Meereswunder. Und es ist ja wohl auch ein Wunder, daß die Insel überhaupt noch da ist, nicht vom Meer gefressen, nicht in Stücke gebrochen, nicht in die Luft geflogen. Vielleicht ist es das. Und natürlich die Zollfreiheit.