Von Marcel Reich-Ranicki

Sind die Lyriker die Tenöre unter den Schreibern? Auf jeden Fall trifft man gerade beim Volk der Dichter und Denker nicht selten auf die Ansicht, man könne entweder Dichter oder Denker, doch schwerlich beides zugleich sein. Ja, man hört sogar, Dichten beeinträchtige die klare Denkarbeit, und Denken schade der holden Dichtkunst.

Nichts einfacher, als für solche Vorurteile und ihre Unverwüstlichkeit vor allem die Konsumenten der Poesie verantwortlich zu machen. Aber man sollte sich lieber an ihre Produzenten halten.

Was sich in der Prosa als unverkäuflich erwiesen hatte, wurde von ihnen häufig in Versen feilgeboten und auch an den Mann gebracht. Was zu töricht war, um gesagt zu werden, haben sie gern gesungen. Denn in der Fülle des Wohllauts – oder des vermeintlichen Wohllauts – ließ sich intellektuelle Dürftigkeit effektvoll verbergen: Wer feierlich und geheimnisvoll raunte, brauchte die Frage nach dem Sinn und der Intelligenz seiner Worte am wenigsten zu befürchten.

So war in Deutschland das Gedicht oft ein Refugium für Autoren mit einigem Talent zwar, doch mit wenig Geist. Und für ein Publikum, das willig der Aufforderung folgte: Mitzusingen, nicht mitzudenken seid ihr da!

Gilt das auch für unsere Zeiten? Ich weiß, es gab Bertolt Brecht, und es gibt seine ehrenwerten Epigonen. Den Lesern, die noch den Rilkeschen Rhythmus im Blute und die Georgesche Melodie im Ohre hatten, vermochte er zu beweisen, daß die Synthese von Poesie und Intellekt nicht nur nötig, sondern auch möglich ist. In der Hierarchie der deutschen Lyrik steht er "ungeheuer oben".

Aber trotz Brecht bleibt ein beträchtlicher Teil der deutschen Poesie dieser Jahre der Tradition treu: Sie ist nach wie vor Dichtung für den Feiertag und nicht für den Alltag. Sie eignet sich eher für festliche als für nachdenkliche Stunden. Sie liebt große Worte und dunkle Töne, hymnische Anrufe und priesterliche Gebärden. Respektvoll und bewundernd, doch nicht ohne leises Mißtrauen nenne ich die Namen Ingeborg Bachmann und Paul Celan.