Essen

Der Bevölkerungsrückgang im Ruhrgebiet brachte 1966 seinen bisherigen Höhepunkt: 60 000 Menschen kehrten dem Revier den Rücken. Essen, Duisburg und Gelsenkirchen hatten die meisten Abwanderer. Schon im Jahre 1962 begann die Bevölkerungskurve an der Ruhr zu sinken, freilich nicht so rasant wie in den letzten zwölf Monaten. Von 1962 bis 1965 waren rund 69 000 Menschen abgewandert.

Trotz dieser alarmierenden Zahlen, trotz Kohlenkrise und Strukturproblemen gibt es immer noch keine Statistik, die über die Motive der Abwanderer Aufschluß gibt. Die Ahnungslosigkeit der Düsseldorfer Landesbehörden geht sogar so weit, daß nicht einmal die Zahl der arbeitslosen Bergleute im Ruhrgebiet bekannt ist. Dabei wäre ein detaillierter Überblick über die Bevölkerungs- und Arbeitsmarktbewegung im Krisengebiet eine der Voraussetzungen für wirksame Strukturhilfen.

Einen ersten schüchternen Versuch, die Motive von Ab- und Zuwanderern zu ergründen, unternahm jetzt der Ruhrsiedlungsverband in Essen. In den Monaten Oktober und November des vergangenen Jahres wurde in 16 Revierstädten eine Fragebogenaktion gestartet. Nach ihren Motiven wurden rund 23 000 Personen, die wegzogen und 15 000, die zuzogen, befragt.

Das Ergebnis ist verblüffend: Über ein Drittel der Abwanderer gab als Motiv an: Unfreiwillige Aufgabe oder Unsicherheit des Arbeitsplatzes, Betriebsstillegungen oder Personaleinsparungen. Ein gutes Viertel versprach sich dagegen außerhalb des Ruhrgebietes vor allem bessere Luft, günstigere und leichter erreichbare Erholungsgebiete. In beiden Gruppen dominieren die jüngeren Leute, unter 35 Jahre alt.

Geradezu kurios mutet es nun an, daß ein großer Teil der Zuwanderer (44,5 Prozent) ausgerechnet wegen besserer Arbeitsbedingungen und größerer Verdienstmöglichkeiten ins Ruhrgebiet kommt. Man verspricht sich außerdem kürzere Arbeitswege, bessere Einkaufsmöglichkeiten und ein größeres Angebot kultureller Veranstaltungen.

„Ist das vielleicht ein Beweis, wie schlecht sie informiert sind?“ fragt man beim Ruhrsiedlungsverband. „Oder ist das Revier trotz Krise immer noch attraktiv?“ Die Beteiligten tappen offenbar im dunkeln. F. R.