Robert Neumann wird am 22. Mai siebzig Jahre alt. Und er ist, worauf er selber gerne hinweist, „trotzdem immer noch lebendig“. Wir wünschen ihm und uns, daß dieser Zustand noch recht lange anhält. Zur Feier des Tages sollte hier ein Artikel erscheinen, der amüsant und melancholisch zugleich ist und Robert Neumann gerecht wird. Wir fanden dafür nur einen Autor: Robert Neumann. Wir veröffentlichen Tagebuchnotizen aus dem Entwurf zu einer neuen Autobiographie.

Trotzdem immer noch lebendig

1. Januar

Ich habe zu viel Trauriges geschrieben in meinem Leben. Ich sehne mich sehr nach der Heiterkeit. Wann immer ich etwas notiere – die Melancholie bricht durch. „Melancholie des Humoristen“, gewiß, aber ich bin kein Humorist. Vielleicht ist einfach der Produktionsimpuls ein melancholischer. Immer trieb mich eine Form von Not an den Schreibtisch. Geldsorgen im Exil – woher die Krämerrechnung bezahlen am nächsten Ersten. Die Hypothek von Pest House bezahlen, während man nichts verdiente. Arztrechnungen bezahlen...

Dazu, seit meinem 40. Geburtstag immer wieder: Das mußt du noch fertigschreiben, rasch, bevor es dir an den Kragen geht. Wie viele Rechnungen, die bezahlt sein wollen in einem Leben. Wie oft ging es mir an den Kragen in diesem letzten Vierteljahrhundert – wie viele Tode, die man sicher zu sterben glaubte und dann doch nicht gestorben ist. Es ist tröstlich, darauf zurückzublicken – gerade in diesem Jahr. Deshalb: Warum nicht das Heitere? Man ist ein Trotzdem-immer-noch-Lebendiger. Diese Welt ist eine gute Welt.

Wahrheitssucht und Eitelkeit

4. Juni