Sonntag, 7. Mai, 12.00 Uhr, 1. Programm: Der internationale Frühschoppen

Der Frühschoppen dauert dreiviertel Stunde; die Kombattanten sprechen in toto pro Kopf nicht mehr als ein paar hundert Sekunden; der Mann, den ich meine, faßte sich eher noch kürzer, aber die sechs Minuten, es mögen auch sieben oder fünf gewesen sein, während derer der Betrachter ihm zuschauen konnte, einem älteren Herrn mit breitem Bürgergesicht, flinken Augen und wackerer Schwerzüngigkeit – diese Minuten waren gespenstisch.

Da sprachen zwei Griechen, ein Däne, zwei Deutsche über den Putsch von Athen, prangerten an, analysierten die faschistische Suade des neuen Regimes, machten sich Gedanken über die Tatsache, daß man an diesem Morgen keinen einzigen Journalisten aus Hellas nach Köln einladen konnte, waren sich im Detail uneins, den mutmaßlichen Ausgang der Wahlen und die Rolle des Königs betreffend, stimmten im Grundsätzlichen Punkt für Punkt überein – wobei der eine flammend protestierte, der zweite kühl die Konsequenz zog, der dritte immer noch hoffte, der vierte verzagte, der fünfte einen Toast in moll, ein kleines demokratisches Exerzitium, artikulierte... aber der sechste Mann schien von den Verzweiflungsreden um sich herum nichts zu bemerken. Die Demokratie, meinte er versonnen (eher besinnlich und gar nicht fanatisch; von Zynismus war keine Spur in seinen Sätzen zu finden), die Demokratie habe sich selber geschützt. Heilsame Ruhe sei nun eingekehrt, der kommunistische Putsch von entschlossenen Männern vereitelt, freundliche Ordnung winke dem zerrissenen Land. Perikles’ Enkel wünschten die Stille, hätten vom Hader genug, ihr Schweigen bedeute Konsens: unmöglich, daß das Regime sich mit ein paar Panzern (zwei Schützenpanzern nur noch am Syntagma-Platz, und rings herum freimütigherzhaftes Männergespräch!) hätte durchsetzen können, wäre nicht das Volk auf seiner Seite gewesen – überdrüssig des korrupten Behördengehabes, dankbar darüber, daß in Zukunft jeder Bürger in Amtsstuben binnen drei Tagen abgeschafft werden wird. (Abgeschafft, wirklich, so klang die Vokabel.)

Höre gut zu, zu Unrecht gescholtener Hitler, vernehmt es, Mannen von der NPD, und merkt euch die Worte: Wenn einer schweigt, weil man ihn mit dem Revolver bedroht, dann heißt das – er stimmt zu. Wenn Grabesstille eintritt und die Ordnung des Gefängnisses Staatsgesetz wird, dann heißt das – die Demokratie schützt sich selbst. Wenn man, den Stimmzettel fürchtend, zum Gummiknüppel greift und, den Willen des Volkes verachtend, ein Regiment der Gewalt etabliert, dann heißt das – die Republik ist gerettet.

O schöne Friedhofsstille, o glückliches Land, dessen Herrschende Zyankali anbieten und dabei von einem freundlich mümmelnden Herrn als Retter des Vaterlands dargestellt werden: In Athen, so scheint es, schmeckt Zyankali wie Zucker, und süß, dem Jahre 33 vergleichbar, ist dem von Unruhen zerrissenen Land die Ruhe des Schreckens. Das hat uns, mit alten Worten, der Wolfgang Bretholz gelehrt. Momos