Bremens Bürgermeister Kaisen probt den Ruhestand

Von Lilo Weinsheimer

Bremen

Um 4 Uhr 45 ist die Nacht zu Ende für den Besitzer der Siedlerstelle Rethfeldsfleeth 9 in Bremen-Borgfeld. Der Bauer beginnt seinen Tag wie seine bäuerlichen Nachbarn im Stall. Daran hat sich in Jahrzehnten nichts geändert. Nur der schwarze Mercedes, der bis 1965 jeden Morgen um. acht Uhr in den Sommerweg eingebogen war, bleibt aus, und die Borgfelder sagen nicht mehr: „Sieh, Wilhelm fährt regieren.“ Seit zwei Jahren kann sich Bürgermeister Wilhelm Kaisen nach drei Stunden Landarbeit noch einmal kurz aufs Ohr legen. Der unbequeme SPD-Politiker, der bei General Clay die Rettung des Bremer Hafens und bei John Foster Dulles die Freigabe des Schiffbaues erreichte, lebt im Stande der Ruhe.

Er sollte offiziell im Rathaus gefeiert werden, am 22. Mai, wenn er achtzig Jahre alt wird. Aber Kaisen winkte ab. Geburtstagsparty also zu Hause mit Butler, Cocktails und kaltem Büfett? „Nee, nix davon. Meine Frau und die Töchter sorgen dafür, daß keiner verhungert.“ Es schüttelt ihn beim Gedanken an frühere Repräsentationspflichten. „Diese albernen Cocktailpartys! So ein Quatsch! In Bonn wollten sie ja mal, ich sollte Bundespräsident werden. Aber da hängt zuviel Klimbim dran.“ Als er sagt, die Familie Kaisen habe „hier auf der Stelle“ immer alles allein und ohne fremde Hilfe geschafft, ist der Stolz des Unabhängigen in seinem Ton. Sein dreißig Morgen großer Hof ist für ihn „die Stelle“, nicht mehr und nicht weniger.

Ochse Theodor

Bei Kaisens ist einfach richtig, was woanders wie peinliche Demonstration wirken könnte: Helene Kaisen, Lebens- und Arbeitsgefährtin des Bürgermeisters seit 1916, und Tochter Inge, in Schürzen beim Gemüseputzen in der Küche, der Hausherr in Arbeitshose, Strickjacke und Holzpantinen. So hat Wilhelm Kaisen einst den amtierenden Bundespräsidenten Theodor Heuss empfangen, als eine Erkältung ihn daran hinderte, im Rathaus zu sein. Wo heute die angebaute gute Stube ist, war damals der Stall. Die Erinnerung amüsiert Kaisen königlich: „Da stand der berühmte Theodor vor seinem Namensvetter, meinem Ochsen Theodor.“ Das Photo ging um die Welt. „Und hier war noch was. Da hat der Heuss zu mir gesagt: ‚Nimm doch endlich einen Orden an, den will ich dir verleihen.‘ ‚Nee danke‘, hab’ ich geantwortet, ‚behalte deine Orden.‘ Darauf der Heuss: ‚Du willst ja nur mit deiner republikanischen Gesinnung protzen.‘ ‚Richtig‘, hab’ ich gesagt, ‚das will ich.‘ “