Es gibt kaum noch eine Schülerzeitung an deutschen Oberschulen, die nicht stolz ihre „Spiegel-Affäre“ melden kann. War dort „Fallex 62“ der Stein des Anstoßes, so hier der „Sex für Sextaner“. Was dort Polizei und Staatsanwalt auf den Plan rief und Redakteure ins Gefängnis brachte, ruft hier Rektoren, Pastoren, Lehrer und Eltern auf die Feldstatt und die jungen Zeitungsmacher ins Konferenzzimmer, wo ihnen klargemacht wird, daß ihnen wohl noch die sittliche Reife fehle.

Nicht erst mit der Frankfurter Schülerzeitung „Bienenkorb-Gazette“ und ihrer Umfrage über das sexuelle Verhalten der Schülerinnen begann es („Wünscht du dir Intimverkehr?“, ZEIT Nr. 13). Ihre männlichen Kollegen vom „schulecho“ aus Homberg an der Theodor-Heuss-Schule waren nicht weniger forsch und ließen sich mit dem Elan ihrer 13 bis 17 Jahre über Vietnam und das Gammeln, über die Werbung und den Kanzler und natürlich über den Storch und den Sex aus.

Die jungen Zeitungsmacher wollen das Beste (Aufklärung für 11- bis 13jährige an hessischen Gymnasien) und ernten den Vorwurf: „Ihr verderbt die Sextaner sexuell!“ „Storch, Storch, guter, bring mir einen Bruder“, schreibt der aufgeklärte Jungmann Hanspeter Bernhardt und mokiert sich, daß man stumpfsinnig beigebracht bekommt, wie die Einzeller alle heißen und noch nicht einmal weiß, wie ein weibliches Geschlechtsteil aussieht, „bevor man nicht selber nachgesehen hat. Die erzählen dir, daß der Mann die Frau befruchtet. Aber wie das nun im einzelnen gemacht wird, das sagt dir keiner; Und Schülerzeitungsmann Dieter Bott meint lapidar: „Es geht auch ohne das ...! Nur finden wir eben mit das...! sehr viel schöner.“

Nicht ganz so eindeutig geben sich die Münchener Schüler, aber sie meinen das gleiche. Mit Hilfe eines Psychologiestudenten fordern sie, die eine unabhängige Schülergemeinschaft gegründet haben: „Seid keine Sex-Muffel, sondern nehmt den Sexualunterricht endlich in den Lehrplan der bayerischen Schulen auf.“ Sie haben den Eindruck, daß die deutschen Pädagogen sie für geschlechtslos halten.

Es rumort in den Klassenzimmern. Sex und Vietnam sind die Thesen der Sextaner und Primaner. Nebenbei auch noch die Große Koalition und die Notstandsgesetze. Ihre Autoren heißen Mao Tse-tung und Kinsey. Sie stehen vor den Konferenzzimmern, begehren Einlaß und Stimmrecht bei der Festlegung der Zensuren, sie wünschen den Religionsunterricht abzuschaffen und nicht mehr länger Schillers „Glocke“ durchzukauen.

Tabus kennen sie nicht, Rücksichten nehmen sie nicht, Kompromisse schließen sie nicht. Sie hauen auf die Pauke. Den Lehrern dröhnt es in den Ohren, und diese wissen sich nicht anders zu helfen, als zu schimpfen: „Unausgegorene Bürschchen, die die Schule versauen wollen.“

Nun, damit ist den Schülern nicht geholfen. Besser wäre es, ihnen zu zeigen, wie sie ihre Schülerzeitungen etwas maßvoller redigieren könnten oder ihnen zu sagen, daß ein rüder Ton (im Homberger „schulecho“ ist von „Scheißeltern“ die Rede) nicht gerade förderlich ist, eine Diskussion zustande zu bringen.