Bonn, im Mai

Die Wiederaufnahme der Genfer Abrüstungskonferenz ist um eine Woche vertagt worden. In Washington stellt man ihr keine sehr günstigen Prognosen mehr. Die Vereinigten Staaten werden die der Bundesregierung zugesagten Konzessionen – besonders in der Kontrollfrage – weder zurücknehmen noch wesentlich einschränken, wie sie ausdrücklich versichert haben. Moskau aber hat es anscheinend gerade in der Kontrollfrage auf eine kompromißlose Haltung abgesehen. Das hat auch in Washington einen Argwohn erweckt, den man in Bonn schon lange hat: daß es dem Kreml mehr darauf ankomme, Uneinigkeit im westlichen Lager hervorzurufen als die Ausbreitung von Atomwaffen zu verhindern. Washington wird jedoch weder Euratom zerstören noch das westliche Bündnis von Grund auf erschüttern lassen.

Den Amerikanern liegt angesichts der Verschärfung des Vietnamkonflikts viel an einem Arrangement mit Moskau; es hätte in der gegenwärtigen Situation demonstrative Bedeutung. Gerade das jedoch läßt Moskau zögern, und so kann es in Genf leicht zu einem Mißerfolg kommen. Für diesen Fall wird in zuständigen amerikanischen Kreisen ein neuer Eventual-Vorschlag erwogen: die Beschränkung des Atomsperrvertrages auf die nicht-kommunistische Welt. Damit ging zwar der Entspannungseffekt verloren, den ein Vertrag unter Beteiligung Moskaus mit sich brächte; aber die Verzichtleistungen der nicht Nicht-Nuklearmächte, die Washington verlangt, könnten in solch einem engeren Rahmen wohl leichter erreicht werden, als wenn Moskau mit am Tisch siße. Washington würde zum Beispiel die Euratom-Kontrolle für ausreichend erklären. Ob es seine zivile Atomindustrie den gleichen Überwachungen unterwürfe, wie sie für die Nicht-Nuklearmächte vorgesehen sind, ist allerdings trotz gewisser Zusagen aus Washington und London noch fraglich. Von einer an Ausflüchten reichen Grundsatzerklärung bis zur Praktizierung einer effektiv gleichwertigen gegenseitigen Kontrolle aller Partner ist es ein weiter Weg.

Andererseits würde die amerikanische Regierung einen auf die freie Welt beschränkten Vertrag so abfassen wollen, daß ihm Moskau in der Zukunft – etwa nach dem Vietnam-Krieg – beitreten könnte. Es würde also auf bestimmte später zu erwartende Einwände der Sowjetregierung Rücksicht nehmen und deshalb vielleicht eine zeitliche Begrenzung des Vertrages ablehnen. Darauf legt man aber nicht nur in Bonn, sondern auch in anderen Hauptstädten Wert. Auch Verhandlungen über einen räumlich begrenzten Atomsperrvertrag wären also schwierig. R. S.