Von Martin jänicke

Heinz Brandt: Ein Traum, der nicht entführbar ist. Mein Weg zwischen Ost und West. Paul List Verlag, München; 376 Seiten, 25,– DM.

Dies ist die bewegende Lebensgeschichte eines Mannes, der zehn Jahre in Zuchthäusern und Konzentrationslagern des Hitlerregimes verbrachte, der seine Eltern und einen Bruder in den Gasöfen Himmlers und einen zweiten Bruder bei den Säuberungen Stalins verlor. Es ist die Geschichte des kommunistischen Funktionärs, der nicht nur vor 1945 verfolgt wurde, sondern schließlich auch in der DDR in politische Bedrängnis gerät, 1958 flüchtet, 1961 aus Westberlin entführt wird und bis zu seiner „vorzeitigen“ Entlassung noch einmal drei Jahre als politischer Strafgefangener der SED zubringt.

Der letzte Teil seines Leidensweges hat Heinz Brandt im Westen zu antikommunistischen Schlagzeilen verholfen. Der eigentliche Wert seiner Autobiographie liegt jedoch weniger in der Schilderung dieser Vorgänge als in dem Bericht über seine Tätigkeit, die er bis zu seiner Absetzung im Sommer 1953 als Sekretär der Berliner SED-Bezirksleitung ausübte. Hier stand er mit der oppositionellen Anti-Ulbricht-Fraktion um Herrnstadt, Zaisser, Ackermann und Jendretzky in enger Verbindung. Hier war er auch an dem Tauziehen um den „Neuen Kurs“ beteiligt, der Ulbricht von der Malenkow-Berija-Gruppe im Kreml aufgezwungen wurde. Ulbricht suchte diesen Kurs zu sabotieren, während ihn die Reformer denkbar extensiv interpretierten und von ihm die Lösung der Konflikte mit der eigenen Bevölkerung wie mit der Bundesrepublik erhofften. Brandt macht deutlich, daß nicht nur der Juniaufstand und der anschließende Sturz Berijas, sondern auch die völlige Abneigung in Bonn gegen jede system-immanente Demokratisierung des SED-Regimes der Ulbricht-Gruppe zum erneuten Triumph verhalf und zum Sturz ihrer reformerischen Gegner führte.

Brandts Hintergrundinformationen sind als Ergänzung der offiziellen Quellen jener Zeit unerläßlich. Darüber hinaus erhält sein Buch zusätzlichen Wert durch die Charakterisierung einer Vielzahl bekannter Persönlichkeiten, angefangen von Ernst Bloch, Bert Brecht, Stefan Heym und Brandts persönlichem Freund Robert Havemann bis hin zu Funktionären wie Karl Schirdewan, Hans Jendretzky, Gerhard Eisler, Alfred Neumann oder Hanna Wolf.

Dies Buch soll zugleich Bekenntnis sein. Brandts „Traum“ deckt sich mit den Sehnsüchten ungezählter Deutscher in der DDR (und vieler Osteuropäer). Es ist die aus den besten Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung abzuleitende Vorstellung von einem „menschlichen Sozialismus“, den man auf einem mittleren Weg zwischen „Stalinismus“ und „Kapitalismus“ anstrebt. „Wie soll“ – meint der Autor – „unser Traum von einer humanen, sozialistischen Gesellschaft, wie soll die große Vision von Karl Marx anders realisierbar sein, als auf einem dritten Wege? Ebensoweit entfernt von bürokratischen als auch Profitinteressen?“ Offen bekennt er sich zu denen, die „von den Konservativen aller Gattungen ... als ‚Wanderer zwischen den Welten‘“ abgetan werden. Das kommunistische Schlagwort des „Versöhnlers“ will er als Fazit seines politischen Lebensweges zum Ehrenbegriff machen: „Heute empfinde ich, welche Größe darin liegt, ein Versöhnender zu sein.“

Kritisch sei gegen dies Buch eingewandt, daß es einige Straffungen gut vertragen hätte. Passagen wie etwa die Schilderungen imaginärer Zwiegespräche mit Gleichgesinnten in der Zuchthauszelle dürften nicht das gleiche Interesse finden wie die informativen und bedenkenswerten Hauptkapitel des Werkes.