Midge Decter, Schriftstellerin, Mitarbeiterin von Harper’s Magazine:

Mit welchen Erwartungen kommt jemand wie ich zum erstenmal nach Deutschland? Ich bin Jüdin und Amerikanerin; ich wuchs auf während des Zweiten Weltkriegs und war damals und auch noch später Mitglied der heute kaum noch vorhandenen Zionistischen Jugendbewegung. Wir wußten also auch im Mittelwesten Amerikas damals, daß es Entscheidungen um Leben und Tod gab. Ich war in erster Linie Jüdin und bin es heute noch.

Was also erwartete ich, und was wollte ich? Wollte ich mir ein Land ansehen mit einst tobenden und heute gezähmten Wahnsinnigen, die nur der große Wohlstand in Schach hielt – ein Wohlstand, gegen den wir nichts einzuwenden hätten, wenn er diese Aufgabe wirklich erfüllte? So primitive Vorstellungen saßen sicher noch irgendwo halbverborgen in einem Winkel des Bewußtseins. Doch ich war nun zu alt und hatte in zu vieler! Diskussionen diese Fragen hin und her gewendet, um einer Genugtuung, die aus geschliffenem Haß erwächst, ganz zu trauen.

Wollte ich also vielleicht „entdecken“, daß die Deutschen auch nur gewöhnliche Menschen sind? Mit anderen Worten: ihnen „vergeben“? Sicher war auch davon etwas in mir. Man möchte ja vergeben, nicht weil es richtig ist, sondern weil es viel bequemer ist und einem eine schwere Last abnimmt. Vergebung ist die Politik meiner Regierung, die Gewohnheit meiner Freunde, die unausgesprochene Voraussetzung überall in meiner Umgebung. Es ist so ermüdend, immer Widerstand zu leisten, mit edlem Groll – zu dem ich, strenggenommen, gar kein Recht habe – umherzugehen, kurz: immer und ewig der schwierige, bohrende, mahnende Jude zu sein.

Doch ob die Deutschen nun Ungeheuer oder normale Menschen waren: sie flößten mir Angst ein – die Angst, die sich durch ein falsches Wort, eine früher gehörte Betonung, ein automatisch ausgelöstes Signal in wilde Raserei verwandeln kann. Die Frage, die ich mir vor der Reise stellte, hieß einfach: Konnte ich ( durfte ich) die ersten zwei Wochen meines Lebens auf deutschem Boden hingehen lassen, ohne einmal überlaut nach Vergeltung zu rufen?

Es kam dann alles anders, denn während der ganzen Tage in Deutschland traten unsere eigenen Gefühle eigentlich gar nicht auf den Plan. Man hatte uns in Hamburg angemeldet; wir waren „jemand“ und wurden mit größter Zuvorkommenheit behandelt. Wir wurden herumgeführt, beim Essen im Hotel begrüßt, im Rathaus willkommen geheißen, wir erhielten Karten für Oper, Konzerte, Theater, wurden mit dem Bürgermeister bekanntgemacht, mit Senatoren, Professoren und Studenten, mit Bundestagsabgeordneten und sogar mit Bundeskanzler Kiesinger. Es gab nichts Unvorhergesehenes, keine unerfreulichen Zufälle.

Land eines versauerten Hegel