Von Heinrich Böll

Zwanzig Luftkilometer bis Nörvenich, ebenso viele bis Jülich. Jülich arbeitet lautlos, die Nörvenicher Starfighter zerhacken und zersägen den unschuldigen Himmel über dem Hürtgenwald. Diese Lufthaie erfüllen nicht nur ihre „Mission“ (welche wohl?), auch eine Funktion: Sie sorgen dafür, daß einer nicht anfängt, dem Frieden zu trauen, sorgen dafür, daß er nicht vergißt, zwischen friedlicher und unheimlicher Stille zu unterscheiden. Es ist die unheimliche Stille eines riesigen Friedhofes.

Im Umkreis von zwanzig Kilometer um das Dorf Vossenack herum sind viel mehr Menschen getötet worden als die Stadt Aachen heute Einwohner hat. Der riesige Friedhof links und rechts der Linie Gey–Großhau–Kleinhau–Hürtgen–Vossenack–Kommerscheidt–Schmidt ist mit jungem Wald bepflanzt: Jeder Nachkriegsjahrgang, das ganze „junge Deutschland“ ist hier vertreten, bis zu den Säuglingen des Jahres 1967. Schöne Wege um jedes der Dörfer herum, Stille, immer noch wirkt die Landschaft des Kahlschlags eingeschüchtert, rötliche Äcker südlich der großen Straße, dunkle nördlich, wo die rote und die weiße Wehe den Namen schon bereit hatten für das, was kommen sollte.

Der dichte junge Wald besorgt das Geschäft der Tarnung besser als alter Wald es könnte; es muß einer schon vom Weg abgehen, weit in den dichten jungen Wald hineinkriechen, um die alten, verbrannten, nun verfaulten Baumstümpfe des Winters 1944/1945 zu entdecken, die Schützenlöcher, die Grabensysteme, Stellungen, die gekippten, überwucherten Bunker der „Siegfried-Linie“.

Nicht selten, eher schon häufig, tritt auf diesen ordentlichen Wegen ein Fuß gegen etwas Rötlichbräunliches, der Baumrinde zum Verwechseln ähnlich, wäre es nicht vom Fuß getroffen worden und gäbe es nicht beim Zusammenstoß seinen metallischen Charakter preis: Nach zweiundzwanzig Jahren immer noch nicht bröckelig gewordener Granatsplitter. Eine Patrone, ein Stahlhelm, ein Kanister mit amerikanischer Aufschrift: „Careful“. Stunden-, stundenweit um jedes der Dörfer herum der friedliche, aufgeforstete Kahlschlag, still – mit dem zersägten, zerhackten Himmel darüber, dem lautlos arbeitenden Jülich im Hintergrund. Gut zu wissen, daß nur wenige Kilometer westlich vor zweiundzwanzig Jahren die Vorläufer der Sektorengrenzschilder standen mit der denkwürdigen Aufschrift: You enter Germany! Be on your guard.

Oh, ihr toten und lebenden Freunde, vergeßt nicht: Be on your guard, you are in Germany! Der junge Wald gedeiht gut, und er hat so viele Vorzüge: Er gewährt weiten Blick, Wildreichtum, im Frühjahr und im Sommer eine Blumenfülle, wie ihn der klassische dunkle Hänsel-und-Gretelwald nicht gewährte; im Sommer ganze Hänge, die noch immer kahlgeschlagen, voller Fingerhut ein feierliches Violett, von weitem wie ein ausgebreitetes Riesentrauertuch. Es ist doch schnöd’, Soldat zu sein! Vergeßt’s nicht, ihr jungen Helden da oben, die ihr über den Gräbern eurer Väter und Brüder so kühn hinwegfliegt, und so rasch, so rasch! Natürlich denkt einer (er kann’s nicht lassen!), wenn er hier spazierengeht, wandert, unwillkürlich an Wehrdebatten, an peinliches Ministergeschwätz, und er meidet die überaus geschmackvollen offiziellen „Helden“-Friedhöfe. (Warum nur, so denkt er, tun die Deutschen so viel für ihre Toten und so wenig für ihre Lebenden?) Es wäre wohl richtig, wäre das einzig Wahre gewesen, hier nicht auf geschmackvollen Soldatenfriedhöfen individuelle Totenbehandlung zu betreiben wie auf einem braven bürgerlichen Friedhof und dazu noch Platz und Gelegenheit für bramarbasierende Überlebende irgendwelcher Divisionen zu geben.

Wenn schon, dann ein riesiges, dunkles Mahnmal mit einem zynischen, besser noch einem schmutzigen Soldaten wort drauf; warum sollten die Toten nicht einmal das letzte Wort haben, das nie, nie Vaterland oder Volk oder gar Führer hieß? Je ein deutsches und ein amerikanisches Soldatenwort, einen Mädchen- oder einen Hurennamen, umrahmt von so zutreffenden letzten Wort wie „fucken war“, „verdammter Scheißkrieg“. Wozu diese erikareiche Täuschung einer bürgerlichen „Ruhestätte“, wo doch wenige Kilometer westlich diese hübschen Schilder standen mit den zutreffenden Worten: Be on your guard! You enter Germany!