Schlechte Literatur kann für ein Volk charakteristischer sein als gute.

Witold Gombrowicz

Wie einst im braunen Mai

Einen „Garten des Malers“ hat Horst Antes für die Bundesgartenschau in Karlsruhe geschaffen, sieben Metallplastiken in leuchtenden Farben, sieben „Monumente der Lüste“, darunter „Der Wolkenfänger oder die Lust, für sich allein zu sein“: eine Hand wächst aus der Erde und greift nach der rosa Wolke, die sich über ihr im Gitterkäfig bewegt. Daß dieser sehr kunstvolle Antes-Garten einen Kulturskandal herauf beschwören würde, hat niemand vorausgesehen. „Verschandelung des Botanischen Gartens“ – „Die Plastiken müssen von der Müllabfuhr beseitigt werden“ – „Der Verkehrsverein protestiert gegen Antes-Dekorationen.“ Die Lokalpresse schürt das „gesunde Volksempfinden“, im Stadtrat werden die Verantwortlichen angegriffen, der Oberbürgermeister wird zur Rede gestellt. Ein Bildersturm wie in vergangenen braunen Zeiten tobt durch die Stadt. Die Plastiken dürfen bleiben. Antes, einer der wenigen Künstler, die der deutschen Kunst auch im Ausland Prestige verschafft haben, ist noch einmal davongekommen. Erschreckend, alarmierend ist die Mentalität eines unbelehrbaren, intoleranten Spießertums, das überall, nicht nur in Karlsruhe, auf der Lauer liegt und über alles herfällt, was es nicht versteht.

Preis für Ligeti

Bislang waren sie sehr vorsichtig. Ihren anläßlich der Eröffnung der Beethoven-Halle gestifteten, für jedes zweite Jahr vorgesehenen und mit 5000 Mark dotierten Beethoven-Preis verliehen die Bonner Stadtväter bisher nur an Komponisten aus dem zweiten Glied der Avantgarde; 1965 fanden sie nicht einmal einen Preiswürdigen. In diesem Jahr jedoch zeigen sich die Bundeshauptstädter sehr mutig: Sie werden den 1923 geborenen, 1956 aus Ungarn nach Österreich gekommenen, zwischen Wien, Stockholm, Darmstadt und anderen Zentren der neuesten Musik pendelnden György Ligeti für sein 1965 in Stockholm uraufgeführtes „Requiem“ auszeichnen. Von einer Gefahr, daß das neutönerische Chorwerk auch noch beim Beethoven-Fest aufgeführt werden könnte, ist dagegen noch nichts zu hören.

Der Ost-Goethe

Nächste Woche tagt in Weimar die Goethe-Gesellschaft, eine der wenigen Institutionen, die sich bisher noch um Kontakte unter Deutschen bemüht. Goethe und die wirklich sehr liebevoll erhaltene Residenzstadt Weimar schienen uns eine Reise und einen Bericht wert. Unsere Bitte um eine Aufenthaltsbewilligung zu diesem Zweck wurde mit sechs Worten beantwortet: „Teilnahme an Tagung nicht möglich – Goethegesellschaft.“ Die Zeit, da kulturelle Kontakte von den Funktionären der SED planmäßig unterbunden werden, ist also noch nicht zu Ende. Wir wollen festhalten, von welcher Seite immer wieder das „Nein“ kommt.