Von Hans Wullenweber

Köln

Die Zigarettenrationierung in den Frauenhäusern der Rheinischen Arbeitsanstalt zu Brauweiler und Trinkerheilanstalt Freimersdorf fiel im Januar 1967. Den Sieg der Gleichberechtigung hinter vergitterten Fenstern feierten Alkoholikerinnen und Straßenmädchen, indem sie spontan die Kirchenhymne anstimmten: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren ... der dich erhält, wie es ihm immer gefällt; hast du nicht dieses verspüret.“

Was war geschehen? Der Landschaftsverband Rheinland hatte Anstaltsdirektor Müller und seinen Vertreter Schmelz angewiesen, sofort jenen ungeschriebenen Hausparagraphen zu streichen, demzufolge weiblichen Insassen täglich nur zwei Zigaretten zustanden, während in den Männerabteilungen blauer Dunst entwickelt werden durfte, soweit das Hausgeld für Aktive oder Feinschnitt nebst Zigarettenpapier reichte. Mit dem Fortfall der jahrzehntelang streng praktizierten Nikotin-Kopfquote für Arbeitshäuslerinnen und suchtkranke Patientinnen reagierten die Verantwortlichen im Palast des Landschaftsverbandes am Köln-Deutzer Rheinufer auf eine kritische Brauweiler-Analyse. Der Kölner „Express“ hatte sie unter dem Titel „Endstation der Verstoßenen“ in 25 Tagesdosierungen serienweise veröffentlicht.

Der Pressechef der Behörde, Hartung: „Ich bin überzeugt, daß in unserem Hause niemand etwas von der Zigarettenrationierung für Frauen wußte.“ Auch Berta Möller-Dostali (SPD) aus Essen, die Vorsitzende des zuständigen Fachausschusses für Sozialhilfe und Kriegsopferfürsorge in der Landschaftsversammlung, und die Leiterin des Sozialreferats im Landeshaus, Dr. Anneliese Öl-Monat, erfuhren viel unangenehm Neues über die Kehrseite der Medaille Brauweiler-Freimersdorf. „Allen Beschwerden wird nachgegangen“, kündigten sie an. Seitdem liegen in Deutz die im Detail anfechtbaren Hausordnungen der Anstalt auf dem grünen Tisch. Die Überlegungen gelten jenen Anachronismen, die in Brauweiler zu Auswüchsen im Geiste unserer Urgroßväter geführt haben. Zentrales Thema aber muß die Frage sein: Ist es heute noch vertretbar, ein Krankenhaus zur Behandlung Süchtiger ganz und gar mit einem Arbeitshaus zu verschmelzen?

Napoleon hatte 1802 die damals 800jährige Benediktinerabtei Brauweiler säkularisiert. Mit geringen Unterbrechungen diente das ehemalige Kloster seitdem Arbeitsscheuen als unfreiwilliger Hort. In die grauen Reihen von Landstreichern und Dirnen reihten Preußen, Weimarer Republikaner, Nationalsozialisten und Bonner Demokraten stets auch alkoholkranke Männer und Frauen ein.

In der historischen Abtei und ihren zahlreichen Nebengebäuden sind zur Zeit rund 800 Insassen untergebracht, davon etwa 500 Arbeitshäusler und 300 Trinker. Den Briefköpfen zufolge befinden letztere sich in der „Trinkerheilanstalt Freimersdorf“. Die fromme Lüge der Ortsangabe verrät das Unbehagen der Behörde darüber, daß es dem reichen Rheinland bis jetzt unmöglich war, eine getrennte Heilstätte zu schaffen. Den entlassenen Patienten haftet der Makel Brauweiler an. Das wirkte in manchen tragischen Fällen sozial ruinös, sobald Nachbarn und Arbeitskollegen davon erfuhren.