FÜR Leser, denen der Kommunismus nicht gleichgültig ist, und für diejenigen, die wissen möchten, was ein sowjetischer Schriftsteller erzählt, der sich über die Zensur hinweggesetzt hat – Nikolai Arschak: „Hier spricht Moskau und andere Erzählungen“; Paul Zsolnay Verlag, Wien; 217 S., 18,50 DM.

ES ENTHÄLT die vier im Westen unter dem Pseudonym „Nikolai Arschak“ veröffentlichten Erzählungen des sowjetischen Autors Juli; Danielj.

ES GEFÄLLT, weil der Verfasser dieser Geschichten aus dem heutigen Leben der Sowjetunion eher ein Mann der Groteske als des Pamphlets ist und die Ironie und das Understatement mehr als das anklägerische Pathos liebt. Im Mittelpunkt steht die Frage nach der Schuld des Individuums im totalitären Staat. Der Arbeiter in der Geschichte „Hände“ hat einst im Namen der Revolution Todesurteile vollstreckt und dann einen Nervenzusammenbruch erlitten: Seitdem zittern seine Hände. Auch die Helden der anderen Geschichten, die Anfang der sechziger Jahre im Intellektuellen- und Künstlermilieu Moskaus spielen, geraten in heikle Situationen, die es ihnen in weiterer Konsequenz erschweren, einen Platz im Leben der Sowjetunion zu finden. In der „Sühne“ wird ein Maler wahnsinnig, weil ihn alle – zu Unrecht – verdächtigen, er habe in der stalinistischen Zeit seinen Freund denunziert. Die Titelgeschichte ist auf einem satirischen Grundeinfall aufgebaut: Die Regierung der Sowjetunion ordnet an, daß an einem bestimmten Sonntag jeder Bürger das Recht hat, jeden anderen Bürger straflos zu töten. Niemand protestiert gegen diese Anordnung, alle wollen nur den ominösen Tag überleben. In dem „Mann aus dem Minap“, einer heiteren und etwas frivolen Geschichte, werden die Konventionen einer Gesellschaft verspottet, die politisiert und verspießt zugleich ist. Aus dieser Satire geht wie von selbst hervor, was Arschak an anderen Stellen nachdrücklich betont: seine Zugehörigkeit zu der von ihm kritisierten Welt und sein Schmerz, daß er angreifen muß, womit er sich identifizieren möchte. Ist dies die Stimme einer neuen sowjetischen Generation? Auf jeden Fall hören wir die Stimme eines Mannes, der sich nicht einschüchtern ließ, eines talentvollen Schriftstellers, den nichts hindern konnte, zu schreiben, was er zu schreiben für nötig hielt.

Marcel Reich-Ranicki