Peter Hacksens Erstling, das „Volksbuch vom Herzog Ernst“, ist jetzt, da er das Bühnenlicht der Welt erblickt, fast fünfzehn Jahre alt. Und fünfzehn Jahre sind für ein Theaterstück eine lange Zeit, unter Umständen eine längere Zeit, als es fünfzig oder hundert Jahre wären. Denn was an einem Stück „Mode“ ist, was also „veraltet“, das ist nach einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum noch bewußt, wir sind gegen das Neue von gestern ja wie mit Antikörpern geimpft, weil wir ein wenig hochmütig meinen, es nun hinter uns, überwunden zu haben. Wer also am „Volksbuch vom Herzog Ernst“ achselzuckend konstatiert, daß man 1953 Brecht trug, daß man dessen Umstülpungen (das Umfunktionieren der Fabel) mit frischer Entdeckerfreude auf neue Stoffgebiete übertrug, der hat ein wenig recht und tut dem Stück doch heute auch ein wenig unrecht. Denn Hacks ist inzwischen sicher weiter, das Theater ist es aber – wie so viele Uraufführungen der jüngsten Zeit beweisen – nicht unbedingt.

Das erste Stück von Hacks ist also eine Anwendung bestimmter Theatermittel auf einen bekannten Stoff, eben den des „Volksbuchs vom Herzog Ernst“. Wie Marx von Hegels Dialektik sagte, daß er sie vom Kopf auf die Füße gestellt habe, so ließe sich von dem Verfahren des jungen Hacks sagen, daß er den Heldenbegriff der Sage vom Kopf auf die Füße zu stellen sucht. Oder, wie er es lakonisch zu seinem Stück notierte: sein Heldenbegriff sei der „sozial relevante, nicht ein privat moralischer“.

Nun sind Gegenpositionen, schon allein da sie ein vorhandenes Bild voraussetzen, um es zu zerstören, auf dem Theater alles andere als „ursprünglich“. Sie setzen keinen Schwung frei, sie bremsen einen vorhandenen Schwung, sie erlauben es auch nicht, ungehemmt zu spielen, weil sie ja auf korrigierende Kommentierung aus sind. So gesehen ist das Stück intellektuell gebrochen, von der Freude des Autors getragen, daß er es besser weiß, als es uns die Sagen und Märchen überliefern. Zu den Taten und Aventüren des Sagenhelden Ernst, zu den wundersamen Errettungen in exotischen Ländern läuft eine Art zurechtrückende Korrektur ab. Die Gründe werden denunziert, damit die Hintergründe sichtbarer werden. Held, so meint das Stück, ist man immer, nur auf Kosten anderer, die Taten der Großen werden auf dem Rücken der kleinen Leute ausgetragen.

Aber mit seinen Zuschauern schien Hacks zu fürchten, daß alle Theorie, dem, Goethe-Wort gehorchend, grau ist, und so benutzt er als Vehikel für seine Helden-Demontage die schillernden Märchenfarben des Vorwurfs, läßt Riesen und Pygmäen auftreten, einen Sciopoden mit riesigem, schattenspendendem Fuß, einen Panochsen, mit Ohren, die bis zum Boden hängen, den Vogel Roch und schnabelköpfige Agrippiner zuhauf – kurz: das Personal des Weihnachtsmärchens und das des guten alten Ritterschinkens vereinen sich, tummeln sich in bunten Bildern, um zu zeigen, wie die Großen auf Kosten der Kleinen leben, wie die Tugenden nur vorgeschützte Phrasen sind, hinter denen Hacks die ökonomischen Egoismen sichtbar macht. Das Mittelalter, seine großen Worte werden denunziert, auf daß wir einsehen, daß es auch mit heutigen Vorwänden und großen Worten nicht anders bestellt ist. Schritt für Schritt geht Hacks dabei dem Volksbuch mit akribischer Korrektursucht nach, keine Etappe wird ausgelassen, da es gilt, an ihr ihr Gegenteil zu beweisen.

Wie gesagt: dieses Negativverfahren macht das Stück so geistreich wie dünnblütig. Die Handlung hängt an dem lockeren Faden der kritischen Gegenposition. Würde man Brechts szenische Kraft und Fülle mit dem Barock vergleichen, Hacks schlösse sich ihr an wie ein tändelndes Rokoko: leicht, witzig, geistreich, verspielt, manchmal auch verschnörkelt, wenn er zu einem Feiertag in Jerusalem beispielsweise aus Christenmund kommentiert, man feiere wahrscheinlich „Allerheiden“.

Da Hacks ein vorhandenes Thema nur durchsäuert und kritisch durchsetzt, droht dem „Volksbuch“ die Gefahr, daß es auf der Bühne heiter wegflattert. Rückblickend von den späteren Hacks-Stücken bemerkt man aber auch schön im „Herzog Ernst“, daß der Autor der heiter zersetzten Märchenwelt den kraftvollen Entwurf seiner Sozialutopien entgegenstemmen möchte: Im dritten Teil des Stücks, der Rückkehr des Helden, hat sich in dem frei gewordenen Regensburg eine fröhliche Menschenmenge versammelt, die feiert, daß ihre Herren so sehr nach oben entrückt sind, daß sie sich gar nicht mehr bemerkbar machen. Es ist dies die gleiche utopische Idylle, die Hacks in seinem „Moritz Tassow“ für wenige Tage in einem mecklenburgischen Dorf nach dem Krieg entstehen läßt. Hier werden die komischen Marionettenbewegungen, mit denen Hacks seine Kaiser, Bischöfe und Ritter zappeln läßt, für Augenblicke mit einem erdigen, fast pausbäckigen Realismus vertauscht.

Jean-Pierre Ponnelle, der Regisseur der Mannheimer, Uraufführung, inszenierte, das auch als eine Art Breughelsches Schlaraffenland in einem Bilderbogen, der sonst die heraldische Treuherzigkeit und Märchenbuntheit sehr folgerichtig als ironische Anführungszeichen um das Stück setzte. Rüstungen, schepperten dann blechern gegen das bärbeißige Ritterpathos an, Papplöwen fletschten ihre Zähne, und in mittelalterlichen Tinten gemalte Burgen verglühten, wenn der Krieg ins Land einfiel, in bengalischer Beleuchtung.