Von Josef Müller-Mai ein

Ein in Brüssel kursierendes Gerücht sagt, de Gaulle hätte es abgelehnt, zum Monatsende beim Gipfeltreffen der Sechs in Rom zu erscheinen, falls er dort eine Rede Hallsteins anhören müßte. Der Kern der Fabel ist gewißlich echt: Frankreichs Staatschef ertrüge es schlecht, den Präsidenten der EWG-Kommission zur Zehn-Jahres-Feier der Römischen Verträge am Rednerpult zu sehen. Zwar hat sich niemand größere Verdienste um die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft erworben als Walter Hallstein, der ihre Organisation schuf, wachsen ließ, ihr seine Ideale und seinen Stil aufprägte. Doch der General, dem an der EWG vor allem das gefällt: daß sie Frankreich nützt, hat Grund, auf die Rolle des großmütigen Siegers, die ihm sonst wohl angestanden hätte, zu verzichten. Denn Hallstein kann ein hinreißender Redner sein. Und sicherlich schlügen ihm nirgendwo und nirgendwann so viel Sympathie entgegen wie hier in Rom, und heute, da es gilt, ihm Dank zu sagen.

Ja, aber läßt es sich vermeiden, daß der verdienstvollste Mann bei solcher Feier nicht seinen, den Ehrenplatz, einnimmt?

Nun, wie in kniffligen Fällen oft das "Protokoll" zu Hilfe kommt, so auch jetzt: Spräche Hallstein, müßten auch die Präsidenten von "Euratom" und der "Hohen Behörde für Kohle und Stahl" beim Festakt das Wort ergreifen. Und das wäre ein bißchen viel. Hat jemand protokollarische Einwendungen zu machen?

Nein, nicht einmal Kiesinger, der deutsche Landsmann und Parteigenosse Hallsteins. Ihm muß an der eben erst wiedererwachten Freundschaft de Gaulles liegen, und er weiß, daß Hallstein nicht nachtragend ist. Er wird also schweigen. Wir aber wissen nicht, wie sich das "Europa der Sechs" zukünftig und nach dem Zusammenschluß der drei Behörden ohne Hallstein gestalten wird. Wir wissen nur, daß eine Epoche europäischer Geschichte ihr Ende gefunden hat.

Als sich die Nachricht verbreitete, daß Walter Hallstein Anfang Mai in einem Brief an den deutschen Bundeskanzler mitgeteilt hatte, er wolle auf das Präsidentenamt der drei vereinigten Kommissionen verzichten, gab es weltweite Überraschung.

Hallstein glaubt nicht, daß es gut sei, fortan den Präsidentenstuhl alle zwei Jahre mit einem Manne aus jeweils einem anderen EWG-Land zu besetzen. In der Tat war der Kompromiß der zwischen Bonn und Paris ausgehandelt worden war, nicht schmeichelhaft für ihn: französische Zustimmung zu einem alten Hallstein-Konzept, nämlich zur Vereinigung der drei Kommissionen, vorgesehen für den 1. Juni, gegen eine befristete Präsidentenschaft Hallsteins bis Ende dieses Jahres. Befristetes Präsidium – über diesen Sieg de Gaulle verlor er kein Wort. Er erklärte sich nur außerstande, in sechs Monaten die sehr großen administrativen und politischen Schwierigkeiten der Fusion dieser Exekutivorgane meistern zu können. Und da er die Brüsseler Europa-Behörde nicht bis zur völligen Verwirklichung der Zollunion, die für den 1. Juli 1968 vorgesehen ist, führen darf, zog er es vor, sein großes Amtszimmer im achten Stock des Europa-Hauses in der Avenue de la Joyeuse Entrée zu räumen und die schönen Skulpturen aus seiner indischen Sammlung einzupacken.