Von Rolf Zundel

Braunschweig, im Mai

Über die Dächer hinweg dröhnte die Hubschrauber-Kavalkade. Hälse redeten sich, Arme streckten sich. "Da kommt er." Ein paar tausend Braunschweiger hatten in der freundlichen Frühsommersonne gewartet, um des neuen Heros der deutschen Politik ansichtig zu werden. Hubschrauber nach Hubschrauber setzte knatternd auf, nur eine Maschine schwebte noch eine Weile länger über den Köpfen. Ein freundlicher, silberhaariger Herr grüßte herunter, Mütter hoben ihre Kinder empor, dann landete auch der letzte Helikopter. Ihm entstieg, aus blauem Himmel niedergefahren und von den Bürgern jubelnd begrüßt, Kurt Georg Kiesinger, Dem ex machina der CDU.

Wie ein Himmelsgeschenk hat die Union die Kanzlerschaft Kiesingers akzeptiert. Er hat die Partei wieder zu Wahlsiegen geführt, ihr neues Selbstvertrauen verliehen. Kiesinger hat sein Amt mit der lächelnden Selbstverständlichkeit des wahren Erbfolgers angetreten. Und er hat Geschmack am Regieren gefunden. Das bekam auch seine eigene Partei zu spüren. Auch darin zeigt er sich durchaus als würdiger Nachfolger Konrad Adenauers.

Als der Bundesausschuß der CDU am Vorabend des Parteitages in Braunschweig über die neue Satzung beriet, versuchte Kiesinger, seinen christlichen Parteifreunden klarzumachen, daß sie außer ihm keinen anderen politischen Gott haben durften. Der Generalsekretär der Union, von vielen Ländern und Landesverbänden und vor allem von der Jungen Union als Motor der Partei gefordert – er, so erklärte der Kanzler, dürfe nur ein Gehilfe des Parteivorsitzenden sein. Und wenn es nicht nach seinem Willen gehe, könne man mit ihm nicht rechnen. Von dieser unabdingbaren Voraussetzung müsse die Partei ausgehen.

Und hier geschah es, daß im Bundesausschuß Buh-Stimmen zu hören waren, daß grollender Unmut laut wurde. Kiesinger mußte erfahren, daß die Partei ihm, dem Retter aus den Koalitionskrisen, zwar weithin zu folgen bereit ist, aber doch nicht in allem und bedingungslos. Vor allem dann nicht, wenn sie allzu herrisch angefaßt wird. Ein Delegierter sprach sogar vom Erziehungsprozeß, den der neue Vorsitzende über sich ergehen lassen müsse. Und auch davon, daß Kiesinger sich daran gewöhnen müsse, hie und da eine Kröte zu schlucken. Das bedeutet so viel, daß die Partei zwar für die Wahlwirksamkeit Kiesingers und für seine Führungsqualitäten dankbar ist, daß sie aber nicht länger nur Wahlverein des Kanzlers sein möchte.

An der Frage, ob der neue Generalsekretär hauptamtlich seine Aufgaben wahrnehmen müsse, entzündete sich der Streit. Im Bundesvorstand konnte sich Kiesinger mit seinem Wunsch, Fleck solle Generalsekretär nach seinen Konditionen werden, also im Kabinett bleiben, durchsetzen, weil sich eine Reihe von Vorstandsmitgliedern der Stimme enthielten. Im Bundesausschuß erhielt er eine sehr knappe Mehrheit.