Sebastian Haffner: Winston Churchill. Rowohlt Verlag, Reinbek. Rowohlts monographien Nr. 129; 192 Seiten, 2,80 DM.

Das ist ein Porträt, das Konturen hat. Wiederum – wie schon bei den „7 Todsünden des Deutschen Reiches“ – beeindruckt Haffner durch seine Fähigkeit, Nebensächliches wegzulassen und das Charakteristische durch Überzeichnung hervorzuheben. Wiederum schreibt er in seinem knappen, griffigen Journalistenstil, und wiederum in einer Manier, die eine wohltuende Mischung von britischem Understatement und berlinischer Gewitztheit der zwanziger Jahre darstellt. So etwas ist selten bei uns – und darum kostbar.

Es muß aber auch eine Lust gewesen sein, diesen Mann – Winston Churchill – zu porträtieren: eine barocke Figur, voller Saft und Kraft, noch aus Zeiten stammend, in denen man den Intellektuellen nicht kannte, sondern einfach das Genie oder – besser noch – den Helden.

Und ein Held war Winston Churchill, ohne Frage; wollte er wohl auch immer sein. Der Urenkel des Herzogs von Marlborough träumte davon, große Taten zu vollbringen, und noch als Erwachsener schlug er auf dem Fußboden Zinnsoldatenschlachten. Ein Labsal, so etwas zu betrachten, in einer Zeit, in der Helden – wenn man das erlesene Wort dafür überhaupt verwenden darf – nur noch in Krimis geduldet werden.

Es ist das besondere Verdienst Haffners, daß er Churchill eigentlich nicht als Politiker und schon gar nicht als Staatsmann würdigt, sondern als Krieger. Churchill, wie ihn keiner kennt, gewissermaßen; jedenfalls im breiten Publikum. Kenner der Materie freilich wie Rolf Hochhuth sind unabhängig von Haffner zu demselben Schluß gelangt. Ja, Churchill liebte den Krieg. Er war sein Lebenselixier. Und in einer Zeit ohne Kriege wäre wahrscheinlich nichts Berühmtes aus ihm geworden.

Die These mag Verwunderung, vielleicht gar Anstoß erregen. Sie ist jedoch auf Schritt und Tritt zu belegen. Was wäre aber auch so Schlimmes daran? Kriegertum darf nicht mit Militarismus verwechselt werden. Der ist Berufsmilitärs zu eigen. Churchill war – von seinen Leutnantsjahren und einem tragikomischen Zwischenspiel im Ersten Weltkrieg abgesehen – Zivilist. Was ihn zum Krieger machte, war zweierlei: seine Liebe zum Kampf und zur erdumspannenden Strategie, der letzten und höchsten Bewährungsprobe für Charakter und Geist des einzelnen wie der Massen – und seine Männlichkeit.

Damit ist es nun für immer – oder doch für lange Zeit – vorbei. Im Zeitalter der Gleichberechtigung der Geschlechter, in Wahrheit der Vorherrschaft des Femininen, und in einer Zeit, in der Kriege einfach nicht mehr sein dürfen, ist Männlichkeit nicht gefragt, mehr noch: wird sie verfemt und ausgelacht. Churchill, dieser ewig Kriegerische, Abenteuerhafte und Romantische, der noch so ungebrochen Männertugenden kultivierte, wäre heute ein Stein des Anstoßes, ein lächerlicher Anachronismus, dürfte sich so gar nicht geben, wenn er Erfolg haben wollte. Und hätte es nicht gerade noch zwei Weltkriege gegeben, so wäre er damals schon eine komische Figur geworden, hätte man ihn nach seiner Blut-Schweiß-und Tränen-Rede ausgepfiffen oder höchstwahrscheinlich zum Teufel gejagt. Schon die nächsten Geschlechter, Ende unseres Jahrhunderts, werden Kämpfernaturen wie Bismarck und Churchill fassungslos bestaunen, schaudernd vielleicht, wie übermenschliche Gestalten aus unwirklichen Zeiten; vielleicht aber auch mit etwas Neid und Wehmut im Herzen.