Von Johannes Jacobi

Mit dem dritten offiziellen Versuch ist 1967 sichtbar geworden, wohin das „Berliner Theatertreffen“ führen könnte. Weil erstmals alle, alle kamen (mit Ausnahme nur der beiden ebenfalls „ausgewählten“ Ostberliner Bühnen), wurde in Westberlin sichtbar, was der Mehrheit von zehn Schauspielkritikern als besonders „bemerkenswerte“ Theaterleistung in deutschsprachigen Landen erscheint. Als dann noch die Berliner Intendanten auf ihr Vetorecht gegenüber Stücken verzichteten, die ohnedies in Berlin gegeben werden, wurden auch Vergleiche möglich.

Die Berliner frönten dem Vergleich mit Lust. Horvaths „Geschichten aus dem Wienerwald“, von den Münchner Kammerspielen als Vergleichsobjekt zur Neuinszenierung des Berliner Schiller-Theaters beigesteuert, ermöglichten wahrhaft hauptstädtische Gespräche über Schauspielkunst. Berliner Zuschauer nahmen in hellen Scharen auch die Gelegenheit wahr, Hans Lietzaus Inszenierung des „Meteor“ von Friedrich Dürrenmatt, die im Renaissance-Theater zu sehen gewesen war, nachträglich mit der Zürcher Urinszenierung von Leopold Lindtberg zu vergleichen.

Was besonders „bemerkenswert“ oder „interessant“ ist, deckt sich nicht immer mit „Perfektion“. Deshalb rückte die Jury des Theatertreffens 1967 von den „besten“ Inszenierungen ab, die nach Berlin einzuladen wären. Das ist gut so. Mit den Produktionsbedingungen, die für die Berliner Barlog-Bühnen, für das Wiener Burgtheater, die beiden führenden Münchner Schauspielbühnen und auch für das Zürcher Schauspielhaus gelten, könnten allenfalls eine Handvoll westdeutscher Theater konkurrieren.

Eine Chance, in Berlin gesehen zu werden, soll aber auch jenen Provinztheatern zugebilligt werden, die durch geistige, dramaturgische oder regieliche Initiative wettmachen müssen, was ihnen an darstellerischen Kräften mangelt. Auf solche Weise erlebte das Berliner Theaterpublikum mit der Kölner „Celestina“-Adaptation (Rojas/Terron) sogar ein Unikum: Ein ehemals bedeutender Schauspieler, der sich als Mitglied von Tourneetruppen neuerdings in Faxenmacherei gefällt – Karl Paryla – inszenierte mit einem mittelmäßigen Ensemble eine hinreißend turbulente und dennoch künstlerisch disziplinierte Vorstellung.

Einige Korrekturen des Reglements würden dem Berliner Theatertreffen künftig nützen. Kritiker, die gegen ihre eigene Langeweile beim Allzu-Bekannten stets scharf auf das Besondere sind, amputierten drei lokale Theaterabende und machten daraus zwei Demonstrationen für Berlin. Das ergab zwar einen fulminanten Erfolg für Hans Lietzaus Inszenierung der „Stühle“ von Ionesco, dargeboten von drei Mitgliedern des Bayerischen Staatsschauspiels (Residenztheater). Trotzdem sah man in Berlin nur einen halben Münchner Abend. Zu Hause gab’s vor der Pause „Die Mitschuldigen“ von Goethe, und zwar mit denselben Schauspielern in den Hauptrollen. Einmal waren sie, von Lietzau in eine Ballettkomödie stilisiert, so jung, wie sie sind, im zweiten Teil neunzigjährig.

Umgekehrt, verlief das Geschick von Münster. Alfred Erich Sistig hatte zu Hause die deutschsprachige Erstaufführung eines ganz frühen Eliot – „Sweeney Agonistes“ – zusammengestellt mit dem kleinen „Mahagonny“ von Brecht/Weill. In einer Universitätsstadt, deren Städtische Bühnen allzu viele Operettenvorstellungen geben, müssen, bedeutete diese Konjunktion ein literarisch akzentuiertes Theaterereignis. Es gibt zwischen beiden Stücken der heterogenen Verfasser dramatische Induktionen. In Berlin wurde der Eliot allein gekoppelt mit zwei Handke-Virtuosenstückchen aus Oberhausen:„Selbstbezichtigung“ und „Weissagung“.