Von Hildegard Hamm-Brücher

Man sollte meinen, daß sich Bildungsreformer, die in die Zukunft denken und planen, in England besonders schwer tun. Verstehen wir es doch als ein Land, in dem Traditionen zumeist stärker sind als die Gewißheit, etwas daran ändern zu müssen.

Auf die englische Bildungspolitik angewandt, stimmt diese These nicht. Denn englischer Traditionalismus stemmt sich wohl nicht sosehr gegen Entwicklungen und schon gar nicht gegen neue Denkweisen als vielmehr gegen Änderungen der äußeren Formen.

In Deutschland verhält es sich damit eher umgekehrt – wir modernisieren uns gern äußerlich und halten unsere Denkweisen sakrosankt –, wodurch sich erklären ließe, weshalb die Vorzeichen für bildungspolitische Reformen im Mutterland der Gesamtschulen soviel günstiger stehen als bei uns.

Kein Engländer dächte heute noch ernsthaft daran, die grundsätzliche Zuständigkeit der Londoner Regierung für eine nationale bildungspolitische Konzeption, für die Gesamtplanung und Finanzierung des Bildungswesens anzuzweifeln. Wohl gibt es einhundertzweiundsechzig dezentralisierte Schulverwaltungen, wohl gibt es ein kunterbuntes Schulsystem öffentlicher, halbprivater und privater Schulen, aber es gibt keinen die Verantwortung des Gesamtstaates ausschließenden Kulturföderalismus.

Das war nicht immer so. Noch bis 1944 existierte in London nur eine kleine, mit wenig Kompetenzen ausgestattete Erziehungsbehörde, das Board of Education, und erst seit der Verabschiedung des Education Act, mit dem Bildungspolitik zu einem Bestandteil angelsächsischer Staats- und Gesellschaftspolitik wurde, zog man Schritt für Schritt auch die Konsequenzen.

So wurde aus der unscheinbaren Behörde im Laufe der Jahre ein Erziehungsministerium, aus dem namenlosen Behördenleiter wurde ein Minister und schließlich ein Staatssekretär, der in England bekanntlich über den Ministern rangiert. Außerdem stehen ihm zwei parlamentarische Staatssekretäre und zwei Junior-Minister zur Seite.