Von Diether Stolze

Was wird bis 1980 alles geschehen sein: Die Landung des ersten Menschen auf dem Mond dürfte dann schon Jahre zurückliegen. Raumstationen werden die Erde umkreisen, in denen Wissenschaftler physikalische, astronomische und biologische Experimente vornehmen – und aller Wahrscheinlichkeit nach wird bereits eine bemannte Station auf dem Mond vorhanden sein. Natürlich wird es ein Netz von Satelliten geben, die Live-Fernsehübertragungen in praktisch alle Gegenden der Welt und eine gegenüber heute entscheidend verbesserte Wettervorhersage ermöglichen. Und Amerikaner und Russen werden dabei sein, den Flug zum Mars und zu anderen Planeten vorzubereiten.

Weder in den Weltraum-Laboratorien noch in der Mondstation wird ein Deutscher sitzen. Es ist nicht einmal sicher, daß die Bundesrepublik an dem Satellitennetz oder anderen Projekten zur Erschließung des Weltraums wesentlichen Anteil haben wird. Deutschland, seit einem Jahrzehnt unbestritten die größte Industriemacht des westlichen Europa, ist unter den Weltraumnationen die geringste.

Für die klägliche Rolle, die die Bundesrepublik heute in Raumforschung und Raumtechnik spielt, gibt es natürlich Erklärungen, vielleicht sogar Entschuldigungen. Bis 1955 war den Deutschen jede Betätigung auf dem Gebiet der Luftfahrt von den Alliierten untersagt – und als das Verbot gefallen war, ging man nur zögernd an den Aufbau dieses technologisch so bedeutsamen Industriezweigs. Weder konnten die ihren Traditionen verhafteten Familienunternehmen dieser Branche sich dazu aufraffen, durch schnelle Fusion einen kapitalstarken Konzern zu bilden, noch vermochte die Regierung die gesamtwirtschaftliche Bedeutung einer leistungsfähigen Luftfahrtindustrie zu erkennen. Nur ein Minister war weitsichtig genug, diese Zukunftsbranche zu unterstützen: Franz Josef Strauß hielt die Firmen durch Aufträge aus dem Verteidigungsetat einigermaßen über Wasser.

Integration im All

Die Luftfahrttechnik ist immer noch die Basis der Raumfahrttechnik – und so war es nicht verwunderlich, daß man sich hierzulande gar nicht erst die Frage stellte, ob und in welcher Form sich die deutsche Industrie am Vorstoß ins All beteiligen soll. Als gegen Ende der fünfziger Jahre durch die ersten Satellitenstarts der Weltraum in greifbare Nähe gerückt war, empfanden zwar die Deutschen, wie wohl alle Menschen, daß eine neue historische Ära begonnen hat – aber Politiker und Wirtschaftler waren nicht willens, daraus Konsequenzen zu ziehen. Den Entschluß, sich überhaupt – wenn auch mit Jahren Verspätung – in der Raumfahrt zu betätigen, verdanken wir einem Staatsmann, der sich für Wirtschaft wenig und für Technik gar nicht interessiert hat: Konrad Adenauer. Aus rein politischen Erwägungen beschloß der damalige Bundeskanzler den Beitritt zu den europäischen Weltraumorganisationen ELDO und ESRO.

Die Gründung dieser beiden Organisationen erfolgte aus der Erkenntnis, daß die einzelnen europäischen Länder ökonomisch zu schwach sind, um in der Raumfahrttechnik mit den beiden Weltmächten USA und Sowjetunion mithalten zu können. Die Aufgabe der European Space Vehicle Launcher Development Organisation ist die Entwicklung eines Trägersystems: Die ELDO baut die Dreistufenrakete „Europa I“, die zunächst von Woomera in Australien und später von dem französischen Startplatz in Guayana aus mittelgroße Satelliten in eine Umlaufbahn bringen wird. Die European Space Research Organisation (ESRO) ist für die eigentlichen Forschungsaufgaben zuständig, in erster Linie für den Bau von Satelliten. Diese Trennung wurde vorgenommen, weil der Bau von Großraketen auch militärischen Wert haben könnte und deshalb einige neutrale Staaten sich nur an der ESRO beteiligen wollten.