Berlin

Der Prozeß bewegt, wie kaum einer, die Gemüter der Berliner. In den Cafés, Kantinen, Büros ist er Gesprächsstoff, die Lokalchefs der Zeitungen greifen in die Schreibmaschine und versuchen den Fall zu bewältigen. Aber kein Mord, kein Raub, keine Vergewaltigung machen den Prozeß zu einem „großen Fall“, der den Zuhörerraum im Moabiter Landgericht überquellen läßt. Im Prozeß gegen Walter Günther, den Arzt von eigenen Gnaden, der augenblicklich vor der 2. Großen Strafkammer verhandelt wird, kommt die „Sensation“ aus einer anderen Richtung: Nicht die „Straftaten“, sondern die „Guttaten“ sind es, die diesen Fall Schlagzeilen machen lassen. Es sind die Leistungen Walter Günthers, nicht seine Urkundenfälschungen oder Betrügereien, die ihn zum Gesprächsthema machen.

Bis vor eineinhalb Jahren, im Oktober 1965, als „alles zu Ende war“, gehörte Günther zu den angesehensten Persönlichkeiten Berlins. Er genoß Prestige bis weit über die Grenzen der Stadt hinaus, und im Schöneberger Rathaus war man stolz, eine solche Kapazität in seinen Mauern und Diensten zu wissen. Am 24. März 1923 wurde Walter Günther im erzgebirgischen Gottesgab geboren. Er besuchte eine Klosterschule bis zur mittleren Reife. Seine Großmutter, die nach der Scheidung der Eltern die Erziehung ihres Enkels bestimmte, wollte ihn Priester werden lassen. Günther, aber wollte „eigentlich Bauer werden“.

Nach Beendigung der Schule ging er jedoch in die Hitlerjugend, später zur Waffen SS. Bei seinem ersten, und einzigen Einsatz in Rußland zog er sich so schwere Erfrierungen zu, daß er für ein Jahr ins Lazarett mußte, wo man ihn an beiden Beinen teilamputierte. Dieses Jahr wurde so etwas wie eine Studienzeit für Walter Günther. Anschließend wurde er wieder HJ-Führer, bis zu seiner Internierung in einem tschechischen Lager im Sommer 1945.

Die Verhältnisse in diesem Lager seien katastrophal gewesen, berichtet Günther heute. Er habe sich dort verpflichtet gefühlt zu helfen. Für die Mitgefangenen wird der hilfreiche junge Mann, der Medikamente heranschafft und kleinere Operationen ausführt, sehr bald der „Arzt“. Er nannte sich nicht Doktor, er wurde so genannt. Seine Rolle wurde ihm angetragen, und er hat sie nicht abgelehnt und nicht mehr abgelegt.

1946, nachdem er aus dem Lager entlassen war, traf Günther sich mit einer ehemaligen Mitgefangenen in der Nähe von Bad Oeynhausen – so hatten sie es im Lager verabredet. Als er dort ankam, war die nächste Weiche bereits gestellt: Freunde des Mädchens hatten eine Stelle als Assistenzarzt an einer Privatklinik für den damals 23jährigen gefunden. Zunächst fragte niemand nach seinen Papieren – als man es schließlich doch tat – der Ordnung halber –, schrieb Günther an die tschechischen Behörden und bekam eine Bescheinigung, die seiner ärztlichen Laufbahn zweifellos ein schnelles Ende bereitet hätte. Er aber wollte seine Rolle weiterspielen: „Ich sah, daß ich Menschen helfen konnte“ und „hier war etwas, was ich konnte und was mir lag“. Günther machte sich auf dieser Bescheinigung sieben Jahre älter – man hätte ihm sonst kaum geglaubt, daß er das lange Medizinstudium absolviert habe –, und er fügte zwei Absätze hinzu, die seine Tätigkeit im Lager eindeutig als „ärztlich“ auswiesen.

Mit einem guten Zeugnis in der Tasche verläßt „Dr.“ Günther acht Monate später die Privatklinik und wird Stationsarzt in Oldenburg. Das niedersächsische Sozialministerium hat ihm inzwischen eine Ersatzbestallung ausgestellt, nachdem Professor Watzka, früherer Dekan der Universität Prag, bestätigt hatte, daß Günther 1943 bei ihm das medizinische Staatsexamen abgelegt habe. Professor Watzka freilich wußte nicht, daß Walter Günther nicht identisch mit jenem Walter Heinz Günther war, an den er sich erinnerte.