Von Hans Gresmann

Charles de Gaulle ist ein überaus begabter politischer Schauspieler. Und Bonn, daran gewöhnt, nach Stadttheater-Kategorien zu messen, zollt ihm einen fast ehrfürchtigen Beifall. Dabei wäre derzeit alles andere eher am Platze als Applaus und Ehrfurcht.

Wieder einmal hat der Gralshüter gallischer Größe verhindert – oder jedenfalls gehemmt –, was durch die Notwendigkeit der Geschichte dieser europäischen Generation aufgegeben ist: die Erweiterung des kontinentalen EWG-Torsos auf einen Verband, der sich eines Tages mit Fug wieder Europa würde nennen können. Der General, von Haus aus darauf bedacht, seine Heerscharen übersichtlich zu halten, prägt die Formel vom Mini-Europa auf die Standarten und darf in der Tat darauf rechnen, zu Beginn nächster Woche bei der römischen Gipfelkonferenz, die noch nicht einmal zähneknirschende Zustimmung seiner Kollegen aus dem europäischen Sextett einheimsen zu können.

Die italienischen Gastgeber werden sich zurückhalten. Von den Benelux-Staaten weiß man seit Jahren, daß sie die EWG vergrößern, daß sie vor allem dem so beruhigend demokratischen England die Aufnahme in den Klub ermöglichen möchten – man weiß aber auch, daß sie zur Resignation eher bereit sind als zum Kampf. Und Bonn? Die Regierung der Großen Koalition – endlich einmal darf man guten Gewissens pauschal von „Bonn“ sprechen – ist vielleicht zu mancherlei bereit, nur zu einem nicht: zum Kampf um Rom. Was das britische Beitrittsersuchen betrifft, dem der französische Staatschef ein fast hysterisches Nein entgegengeschleudert hat, so hat sich das Kabinett Kiesinger auf die bloße Formel geeinigt, es wolle auch in Zukunft eine Politik der „offenen Tür“ in der EWG treiben, eine Politik der Behutsamkeit und des Vermittlungswillens.

Eine Politik der Behutsamkeit – du liebe Güte! An den gaullistischen Klippen zerschellt die europäische Flotte, und Bonn ist behutsam. Wobei doch der starke Partner Bundesrepublik die einzige kleineuropäische Größe ist, die der General in seinem machtpolitischen Spiel allenfalls noch akzeptiert.

Noch gar nicht lange ist es her, daß der Bundesaußenminister erklärt hat, die deutschen Eigeninteressen sprächen für eine Ausdehnung des Gemeinsamen Marktes. Dieses deutsche Interesse an einem größeren Europa – hat Brandt es vergessen, hat Kiesinger es überhaupt nicht gesehen? Schwer zu sagen, fest indes steht, daß der Kanzler und sein Außenminister auf Paris „keinen Druck ausüben“ wollen. Lohn dafür wird ihnen allenfalls ein routiniertes Dankeslächeln aus dem Elysée sein. Oder wollen sie es als Lohn empfinden, daß ihnen scheinbar der Beweis gelang, wie falsch doch ihre Vorgänger Erhard und Schröder „lagen“, mit allen antifranzösischen Empfindlichkeiten?

Einer freilich ist mutig, und von ihm hätte man es gar nicht erwartet. Wo Bonn schweigt, meldet der Strauß aus Bayern Protest an. Hatten die Oberen der SPD, als sie noch nicht geblendet waren von Pariser Huld, nicht gerade ihn als blinden Parteigänger de Gaulles verschrien? Dieser angebliche Gaullist, dieser Franz Josef Strauß ist heute der einzige, der das Kind beim Namen nennt, der gegen die „politischen Schrebergartenverhältnisse“ wettert, wo die anderen Großen der Großen Koalition sich in diplomatischer Unterwürfigkeit üben.