Von Gottfried Sello

Pontormo, heißt es in einer vorzüglichen Monographie von –

Kurt W. Forster: "Jacopo da Pontormo" – Monographie mit kritischem Katalog; Verlag F. Bruckmann, München; 200 S. mit 129 einfarb. Abb. und 9 Farbtafeln, 36,– DM

über den Florentiner Maler, der in traditioneller Sicht, von Vasari bis zu Wölfflin und über Wölfflin hinaus, den Verfall der Renaissance einleitete, ihren Abstieg in die Niederungen des Manierismus, sei eine Entdeckung des zwanzigsten Jahrhunderts. Erst in den letzten zehn Jahren, seit der Florentiner Mostra del Pontormo e del primo manierismo, wurde sein Werk eingehend untersucht, wurde ihm die Aura des Exzeptionellen zuerkannt.

Neben der modernen Forschung nennt Forster ausdrücklich "die modische Aktualität des Manierismus" einen wesentlichen Faktor für die Neubewertung. Beide Aspekte, der wissenschaftliche und der aktuelle, kommen bei Forster zu ihrem Recht. Als Ergebnis seiner wissenschaftlichen Bemühungen präsentiert der Professor an der Yale University in New Haven einen kritischen Katalog der authentischen Malereien sowie der verlorenen und zerstörten Werke, gegen den im einzelnen Einwände denkbar sind und auch schon erhoben wurden: Forster will das Werk möglichst eng eingrenzen, er hat manche bisher als gesichert geltenden Bilder wie das Damenporträt im Frankfurter Städel rigoros ausgeschieden.

Diese Zu- und Abschreibungsprobleme tangieren die Fachwissenschaft, von allgemeinem Interesse dagegen sind die Fragen, die im Zusammenhang mit der Aktualität des Manierismus zur Sprache kommen: Pontormo gilt neben Parmigianino als Hauptmeister und Schlüsselfigur dieses Stilphänomens in seiner ersten Phase. Schon Gustav René Hocke zitiert ihn als Kronzeugen für den frühen Manierismus. Pontormo sei der erste bedeutende "Ausbrecher" aus der harmonischen Welt der Renaissance.

Was Pontormos "saturnische Melancholie" und seine künstlerische maniera betrifft, so stützen sich sowohl Hocke wie Forster weitgehend auf die Aussagen Vasaris, also eben des Künstlers und Autors, der die Fehleinschätzung Pontormos verursacht hat.