Der Prozeß gegen den falschen Chefarzt Günther bestätigt einmal, mit welcher Sorglosigkeit die Behörden Zweifel an der beruflichen Qualifikation dieses Mannes auf die lange Bank geschoben haben. Zum anderen ist in der Verhandlung zur Sprache gekommen, wie großzügig der Täuscher nach seiner Entlarvung finanziell behandelt wurde.

Die Berliner Verwaltung hat Günther sogar die 12 500 Mark belassen, die er allein auf Grund seiner falschen Altersangabe erhalten hat. Er war dadurch in eine höhere Dienstaltersstufe gekommen. Er behält also den Lügenzuschlag für die Dokumentenfälschung, die Voraussetzung seiner illegalen Laufbahn war. Hier ist die ungerechtfertigte Bereicherung im Sinne des Bürgerlichen Gesetzbuches stiefeldick. Wie absurd das Belassen dieser Summe ist, zeigt die Überlegung, daß ein echter Chefarzt, hätte man ihm eine Dienstaltersfälschung nachgewiesen, selbstverständlich die betreffenden Beträge zurückzahlen müßte. Denn in solchen Fällen, wo ein regulärer Beamter ungerechtfertigt bereichert ist, darf nach dem Beamtengesetz nur aus Billigkeitsgründen auf eine Rückzahlung verzichtet werden. Aber der arme Günther ist schon so übel dran, weil er nicht einmal Arzt war.

Um mit diesem Beispiel einen bestürzenden Mangel an Verantwortungsbewußtsein bei der Verwaltung öffentlicher Gelder festzustellen, braucht man nicht die Gesetze, sondern nur die Vernunft zu bemühen.

Günter Matthes in „Der Tagesspiegel“, Berlin