Von Werner Höfer

Oberhausen

Muß ich jetzt ‚Küß die Hand, gnä’ Frau‘ zu Ihnen sagen?“ Ein 90jähriger Pfarrer, ein Freund von alters her, rief, mit dieser Protokollfrage auf dem Herzen, am Morgen bei dem Oberhausener Oberbürgermeister Luise Albertz an, nachdem er in der Zeitung ein von den Revierblättern veröffentlichtes Photo gesehen hatte, das den „Concordia“-Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Exekution eines Handkusses zeigt: chevalereske Huldigung eines kapitalistischen „Schlotbarons“ an eine sozialistische „Stadtmutter“. Deren schlagfertige Reaktion:

„Warum soll ich nicht mal die Hand hinhalten, wenn ich sonst immer den Kopf hinhalten muß ...“

Schauplatz dieses galanten Intermezzos war die Staatskanzlei in Düsseldorf, wo in der Auseinandersetzung um die Stillegung der „Concordia“-Schachtanlagen eine Art von Stillhalteabkommen vereinbart wurde.

Das Veto des Ministerpräsidenten Heinz Kühn und der Elan des Oberhausener Stadtoberhaupts Luise Albertz haben den Berliner Schering-Leuten, den Hauptaktionären der „Concordia“, für das erste einen Aufschub der geplanten Stillegung abgetrotzt.

Zuvor war Luise Albertz nach Berlin, gereist, um den Chemie-Herren die Konsequenzen dessen, was sie im Sinn hatten, ungeschminkt zu schildern: Daß die 4000 Bergleute weder in der Stadt selbst noch in der Umgebung Beschäftigung finden könnten und daß die Zechenstillegung weit über den Kreis der unmittelbar Betroffenen hinaus das wirtschaftliche Gefüge ihrer Viertelmillionenstadt gefährde.