Gefreiter Neumann und die Lahn-Wirtin finden keine Gnade vor den Geschmacksrichtern

Bonn

Drei populäre deutsche Volksgestalten, jedem Stammtisch und jeder Studentenkneipe vertraut, sind von Amts wegen in den Untergrund verbannt worden: Die dralle Wirtin von der Lahn, der schlimme Bonifatius Kiesewetter und der sturmerprobte Sanitätsgefreite Neumann, nebst Adolf Hitler der meistzitierte Gefreite der deutschen Militärgeschichte.

Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften in Bad Godesberg hat die pikanten Lebensläufe und Abenteuer der drei Ordinärtypen in die Liste jener Druckschriften aufgenommen, die wegen überreichen erotischen, gottlosen, masochistischen oder sodomistischen Inhalts nicht mehr öffentlich ausgelegt, vertrieben und angepriesen werden dürfen.

In den Entscheidungen Nummer 1830 und 1831 wird die Indizierung der Publikationen „Das Wirtshaus an der Lahn – ein Volkslied“ (122 Seiten, 38 Mark) und „Bonifatius Kiesewetter und Sanitätsgefreiter Neumann sowie Schüttelreime und Paraphrasen“ (104 Seiten, 38 Mark) auf je acht Schreibmaschinenseiten verordnet und begründet. Betroffen davon ist in beiden Fällen der 73jährige Verleger Karl Schustek in Hanau am Main, der sich schon einmal mit einem angeblich geschäftslähmenden Verbot der Bundesprüfstelle herumschlagen mußte: Jahrelang hatte Schustek um die Freigabe des Buches „Kamasutram“, einer altindischen Liebeslehre, prozessiert und schließlich auch gesiegt.

Unter Vorsitz des Amtsgerichtsrates Jungeblodt, der die Geschmacksbehörde in Bad Godesberg leitet, durften sich acht „Gruppenvertreter“ (für Kunst, Literatur, Buchhandel, Verleger, Jugendverbände, Jugendwohlfahrt, Lehrerschaft und Kirchen) nebst drei Beamten als Vertreter der deutschen Bundesländer mit den vielen hundert kernigen Versen beschäftigen, die in den beiden Liebhaber-Büchern zusammengetragen worden waren. Fazit: Sie sind geeignet, „Kinder und Jugendliche sittlich zu gefährden“.

Daß zwischen dem vielgestaltigen Liebesleben der tolldreisten Bedienerin im Lahn-Wirtshaus, den rauhen Tisch- und Bettsitten des trinkfreudigen Bonifatius („Wohltäter“) und der unproblematischen Lebensart des sinnenfrohen Sanitäters ein verwandtschaftlicher Zusammenhang besteht, machte die Bundesprüfstelle eigenartig deutlich: Die grundsätzliche Empörung über die Verse und die gewichtigsten Argumente der Indizierung sind für beide Bücher in wörtlich gleichlautendem Text abgefaßt.