Jean Marabini: Der rote Oktober. Wunderlich Leins Verlag, Tübingen; 286 Seiten, 22,80 DM

Es gibt Bücher, deren Lektüre einen schwindlig macht, weil die Fülle der Gesichtspunkte, Details, Randbemerkungen und Fernblicke ungeordnet und mit einer Geschwindigkeit vorüberschießt, als befinde man sich auf einem Riesenrad oder auf einer Geisterbahn.

An ein solches Buch erinnert Jean Marabinis historischer Ausflug in den Alltag der russischen Revolution, das gerade rechtzeitig zum fünfzigjährigen Jubiläum auf dem Buchmarkt erschienen ist. Marabini schreibt französisch, er ist wissenschaftlichen Mitarbeiter bei der UNESCO, was immer man unter dieser Tätigkeit verstehen mag, und Autor einer Monographie über Lenin.

„Wir berichten von Dingen, die zum traditionellen Rußland gehören, von anderen, die sich als Entfaltung von Ansätzen der Pariser Kommune ausgeben, und schließlich von den Bestandteilen der neuen, sozialen Konstellation, die die Explosion der Diktatur des Proletariats zu einem Kollektiv zusammengeschweißt hat. Diese Diktatur hat bisher nur in graphischen Darstellungen oder im fiebrigen Stil der politischen Leidenschaft, der Voreingenommenheit, des Engagiertseins ihren Ausdruck gefunden.“

Solche orphischen Sätze, charakteristisch für den Stil des Buches, enträtseln sich selbst dem geduldigen Leser nicht ohne weiteres, und wenn sie auch auszudrücken vermögen, wie schwierig das Unterfangen des Verfassers war, so steigern sie zugleich auch die Befürchtungen des Lesers, es könne mißlingen, ein so gewaltiges Panorama so vollkommen darzustellen.

Marabini wählt die chronologische Gliederung seines Stoffes. Er erzählt die bekannten geschichtlichen Ereignisse als Drama, spricht von der „Einheit des Ortes“, als handele es sich tatsächlich um Literatur, und begrenzt sie zeitlich nicht so sehr nach sachlichen wie nach theatralischen Aspekten: Das Buch beginnt mit der Ermordung Rasputins im Dezember 1916 und endet etwa mit dem Frieden von Brest-Litowsk. Auf diese Weise ist der Autor gezwungen, gleichzeitig Weltgeschichte zu berichten und sein eigentliches Thema, die Veränderungen des Alltags, abzuhandeln – dies alles in einem eleganten und kenntnisreichen Stil.

„Wie sollen wir die Mitglieder der Regierung nennen?“ denkt Lenin laut vor sich hin. „Nur ja nicht Minister; der Titel ist abwertend, ist zu sehr mißbraucht worden.“