Beginnen Kriege heute noch so – mit Panzeraufmärschen quer durch Städte und Provinzen, mit finsteren Drohungen der Staatsmänner und Generale, mit Mobilmachungsbefehlen und der Beschlagnahme von Krankenhäusern und Privatautos? So, daß jeder von Anbeginn an gewarnt ist: der Feind, die Schutzmächte und die benachbarten Neutralen?

Auf diese Weise hat Nasser wieder einmal, mitsamt seinen syrischen Bundesgenossen, Israel den "Heiligen Krieg", den "letzten Kampf" angesagt. Doch alles deutet darauf hin, daß es im Nahen Osten zu keinem Waffengang großen Stils kommen wird. Dafür gibt es viele Gründe.

Die Supermächte werden es nicht zulassen, daß die Ägypter das orientalische Pulverfaß zur Explosion bringen. Die Araber selber wissen nur zu gut, wie stark bewaffnet und wie entschlossen die Israelis im Vergleich zu ihnen sind; sie wissen es spätestens seit dem Sinai-Feldzug von 1956. Zu alledem ist Nassers Position als Vorkämpfer der arabischen Einheit und Befreier Palästinas zu schwach, als daß er es zum Äußersten kommen lassen könnte. Seit Jahren kämpfen 50 000 seiner Soldaten im Jemen, wo er Gasbomben gegen die königstreuen Stämme einsetzt. Und die Könige in Jordanien und Saudi-Arabien, auf deren Hilfe er in einem Krieg gegen Israel angewiesen wäre, sind seine verschworenen Feinde und gönnen ihm keinen Sieg, nicht einmal den über die Israelis.

Warum denn der martialisch anmutende Kraftakt? Nasser hält die Welt einen Augenblick in Atem. Er hat mit seinem Veitstanz an Israels Grenzen abgelenkt von seinem verlustreichen Jemen-Abenteuer und seinen wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Vor allem aber besänftigte er mit seiner Kriegsbeschwörung die ungehaltenen Extremisten der syrischen Baath-Regierung, die der ägyptischen Waffenbruderschaft schon lange keinen rechten Glauben mehr schenken mochten. Der mit Nasser abgeschlossene Beistandspakt hatte ihnen nichts genützt, als ihnen die Israelis im vergangenen Monat in einem Vergeltungsschlag schwere Verluste zufügten. Kairo hatte sich damals ruhig verhalten, gemäß dem freimütigen Eingeständnis des Ägypters:

Die Araber seien noch nicht stark genug, die Israelis "ins Meer zu werfen".

Im Vergleich dazu klingt die Behauptung reichlich abwegig, Nassers Kriegsdrohung sei ein mit Moskau abgekartetes Spiel, um den Amerikanern die Angst vor einer zweiten Front einzujagen und sie, gleichsam in einem Tauschgeschäft, zum Einlenken in Vietnam zu zwingen. Er hat schon seine eigenen Gründe. Immerhin hat der ägyptische Präsident mit seinem Aufgebot an Panzern und Propagandisten gegen Israel zweierlei erreicht:

1. Auch die Israelis werden sich nun zurückhalten müssen; sie können es nicht mehr ohne weiteres wagen, Sabotageanschläge der palästinensischen Kommandotrupps auf ihrem Gebiet mit groß angelegten Vergeltungsaktionen in Syrien, Jordanien oder Ägypten zu beantworten. Eingekreist von feindlichen Divisionen, sieht sich Israel auf einmal in einer Situation, in der sich die Araber seit 1948 befanden: Sie sind zur Defensive verurteilt. Diesmal sind es die anderen, die ihnen die Zähne zeigen.