Seit Beginn der Woche hat sich die Kriegsgefahr im Nahen Osten erhöht. Der ägyptische Staatspräsident Nasser kündigte an, daß er den Golf von Akaba, an dessen Nordzipfel der israelische Hafen Eilat liegt, für den Schiffsverkehr sperren werde. Israel hatte wiederholt darauf hingewiesen, daß es eine Blockade seines Seewegs ins Rote Meer als Kriegsgrund betrachte.

Unterdessen versuchen Diplomaten und Politiker die Krise im Nahen Osten unter Kontrolle zu bringen: U Thant flog nach Kairo, um dort mit dem Staatspräsidenten Nasser zu verhandeln. Nach einem Bericht der Londoner „Sunday Times“ hat US-Präsident Johnson den sowjetischen Ministerpräsidenten Kossygin um Mithilfe bei der Lösung des Konfliktes gebeten. Auch der britische Außenminister Brown wird in Moskau über die Lage im Nahen Osten beraten.

Der israelische Ministerpräsident Eschkol appellierte vor der Knesseth an die Großmächte, die Gefahr eines Krieges im Nahen Osten auszuschalten. Israel sei bereit, seine Truppen von den Grenzen zurückzuziehen, wenn die arabischen Staaten das gleiche täten.

Den Abzug der UN-Soldaten bezeichnete Eschkol als einen „ernsten Rückschlag für die Sicherheitsfunktion der Vereinten Nationen“. Der frühere UN-Generalsekretär Dag Hammarskjöld habe 1957 ausdrücklich erklärt, ein Abzug der „United Nations Emergency Force“ (UNEF) könne nur in Konsultation mit dem Beratungsausschuß der UNEF erfolgen. Dieser habe dann zu entscheiden, ob ein solches Ersuchen vor die UN-Vollversammlung gebracht werden solle.

Tatsächlich aber hatte sich U Thant einer ultimativen Aufforderung Nassers gebeugt und die 3400 UN-Soldaten unter dem indischen General Rikhye aus ihren Stellungen im Gaza-Streifen, entlang der Sinai-Grenze und am Golf von Akaba abrücken lassen – ohne die an der UNEF beteiligten sieben Mächte oder die Vollversammlung zuvor zu konsultieren. U Thant berief sich darauf, die UN-Truppen seien 1956 im Einverständnis mit der ägyptischen Regierung auf deren Territorium stationiert worden. Sie könnten dort nur so lange bleiben, bis dieses Einverständnis widerrufen sei.

Die israelischen Soldaten sind im Gaza-Streifen jetzt den Verbänden der radikalen „Palästinensischen Befreiungsorganisation“ (PLO) konfrontiert. Deren Chef, Achmed Schukairi, hetzt die Palästina-Flüchtlinge seit Jahren zum „letzten Kampf gegen Israel“ auf.

Die arabischen Militärs sind sich unterdessen nicht einig, wann sie zum Schlag gegen Israel ausholen sollen. Syriens Verteidigungsminister Assad erklärte, seine Streitkräfte seien nicht zur Abwehr einer israelischen Aggression, sondern zu einer „Befreiungsaktion“ bereit. Dagegen meinte der ägyptische Befehlshaber, General Mortagi, es bedürfe schon eines schweren israelischen Angriffs, um den arabischen Gegenschlag auszulösen. In Kairo berichtete die Zeitung „Al Ahram“, Ägypten habe verhindert, daß der Verteidigungsrat der Arabischen Liga zusammentrete. Ägypten sei nicht bereit, seine Pläne „rückständigen arabischen Staaten“ anzuvertrauen. Damit sind die Königreiche Jordanien und Saudiarabien gemeint, die nicht in das Kriegsgeschrei aus Kairo und Damaskus einstimmten.