Lagos, im Mai

Wie lange können ein Staat und seine Wirtschaft bestehen, wenn dieser Staat keine handlungsfähige Regierung hat, wenn zwanzigtausend Einwohner Progromen zum Opfer fielen, mehr als anderthalb Millionen Flüchtlinge Wohnung und Arbeit suchen, wenn die Bataillone der Armee Gewehr bei Fuß gegeneinander stehen, wenn der Eisenbahn- und der Luftverkehr im Lande unterbrochen sind, Provinzbehörden der Zentrale nicht mehr gehorchen und die Zentrale die unbotmäßigen Provinzen daraufhin mit einer Handelsblockade belegt? Wie lange wohl kann ein Staat das alles aushalten, ohne zu zerbrechen?

Nigerias Militärregierung macht derzeit verzweifelte Anstrengungen, um den totalen Zerfall des bevölkerungsreichsten Staates auf dem Zerfall des Kontinent zu verhindern. Oberst Yakuba Gowon hat eine Reihe von Missionen in afrikanische und europäische Hauptstädte geschickt, um die Schaffung einer neuen „Demokratischen Republik Biafra“ zu verhindern – wie sich der Osten wohl nennen würde, wenn er formal von der nigerianischen Föderation abfallen sollte. Nur die aktive Unterstützung von Nigerias hauptsächlichen Handelspartnern, vor allen Dingen Großbritannien, und die Mitarbeit Kameruns, der Hintertür zur Ost-Region, könnten einem solchen Sezessionsversuch entgegenwirken. Zwar hat sich die Gefahr verringert, daß die Föderationsregierung mit Militärgewalt gegen den Osten vorgeht; wirtschaftliche Strangulierungs-Maßnahmen stehen jetzt im Vordergrund. Doch ist ein blutiger Konflikt damit noch keineswegs ausgeschlossen.

In Nigeria, dem mit 54 Millionen Einwohnern bevölkerungsreichsten Land Afrikas, dauert das Chaos nun schon fünfzehn Monate an – und der Staat existiert noch, auch wenn die Krise unaufhaltsam einer gewaltsamen Explosion zutreibt. Sie könnte nur noch durch radikale Reformen aufgehalten werden. Doch wer in Nigeria hat noch die Kraft dazu und die Macht?

Als Großbritannien vor sechseinhalb Jahren Nigeria die Unabhängigkeit gab, hinterließ es dem Lande – es ist viermal so groß wie die Bundesrepublik – eine mühsam ausbalancierte Verfassung. Theoretisch sollten die großen Völker Nigerias – die Haussa und Foulani im Norden, die Yoruba im Westen und die Ibo im Osten – einander das Gleichgewicht halten und gemeinsam die Bundesexekutive in der Hauptstadt Lagos tragen. In der Praxis jedoch errangen die konservativen, feudalistischen Führer des Nordens eine klare Vorherrschaft über die eher progressistischen Kräfte der Küstenprovinzen. Diese Führungsrolle des Nordens wurde zuweilen mit Mitteln erreicht, die es unbegreiflich erscheinen lassen, wie manche ausländischen Betrachter Nigeria als ein afrikanisches Musterland der Westminster-Demokratie bezeichnen konnten.

Damit hatte es spätestens ein Ende, als junge Offiziere – hauptsächlich Ibo – im Januar 1966 die zivilen Regierungen im Bund und in den vier Regionen stürzten. Im Land herrschten monatelang Bürgerkrieg, Mord und Aufruhr. Dazu kam, daß der Verlust des parlamentarischen und parteipolitischen Instrumentariums die Wiederherstellung der nationalen Belange in der Bundes Verantwortung verhinderte.

Allein eine grundlegende Verfassungsreform könnte einen Ausweg aus der Krise bieten. Dabei stehen sich zwei Vorstellungen unvereinbar gegenüber: Eine Gruppe von Militärs und Politikern unter Führung des Nordens befürwortete die Aufsplitterung Nigerias in zehn bis achtzehn Regionen, unter Beibehaltung einer starken Bundesexekutive. Gegen diese Pläne wenden sich vor allem die Ibo der Ostregion, angeführt von dem Oberstleutnant Odumegwu Ojukwu, einem Millionärssohn und Oxford-Absolventen, und von dem ehemaligen Premierminister der Region, Michael Okpara.