Jeder Versuch, Börsenkurse von der Bilanzanalyse her ausrechnen zu wollen, muß scheitern. Gewinn je Aktie oder Cash flow sind Hilfsmittel der Bewertung und geben wertvolle Aufschlüsse, beide können auch den Kurs einer Aktie positiv oder negativ beeinflussen, aber niemals zur Bildung des „gerechten“ Kurses führen. Schließlich sagen alle aus Bilanzen gewonnenen Erkenntnisse im wesentlichen nur etwas über die Vergangenheit aus. Der Aktienkäufer will aber die Zukunft kaufen. Er muß zwangsläufig Prophet spielen wollen – oder börsentechnisch gesagt: spekulieren.

Die Höhe der Kurse wird deshalb stark von den Zukunftsaussichten der einzelnen Gesellschaften bestimmt, aber auch wesentlich von der konjunkturellen Großwetterlage. Ist das Geld knapp und die Nachfrage nach Wertpapieren gering, können die Börsenkurse schwerlich steigen. In solchen Zeiten sehen die Geldbesitzer auf hohe Zinsen. Für Wachstumsaussichten, die letzten Endes für die Börsenhausse bis 1960 ausschlaggebend waren, wird nicht viel gezahlt.

Und damit sind wir beim heutigen Thema, meine verehrten Leser, nämlich bei der Frage: Wonach richten sich die Aktienkurse im Frühjahr 1967?

Noch bestimmen die Erfahrungen aus der zwar abklingenden, aber keineswegs überwundenen Rezessionsperiode das Börsengeschäft. Die Anleger, vor allem die Investment-Fonds, stellen den Ertrag in den Vordergrund ihrer Dispositionen. Und zwar weniger den Gesamtgewinn je Aktie als vielmehr die Dividende, also das, worüber der Anleger frei verfügen kann. Zwar ist auf den Hauptversammlungen deutlich zu merken, daß die Masse der Aktionäre widerspruchslos die Bildung offener Reserven, die Selbstfinanzierung, anerkennt, aber reizvoll sind Aktien eben nur insoweit, wie sie baren Nutzen bringen. Das Recht auf Bezug junger Aktien (Kapitalerhöhungen) wird längst nicht mehr als Weihnachtsgeschenk empfunden. Inzwischen wissen wir, daß Bezugsrechte in aller Regel vom Kurs voll abgeschlagen werden und dieser Abschlag in Börsenphasen, wie sie hinter uns liegen, kaum Aussicht hat, wieder aufgeholt zu werden. Im Gegenteil: in Perioden, da Geld für die Wertpapieranlage knapp ist, wirken sich Kapitalerhöhungen für die betreffenden Aktien als eine zusätzliche Belastung aus.

Gegenwärtig spielen für die längerfristige Aktienanlage die erzielbaren Renditen (voraussichtliche Verzinsung des eingesetzten Kapitals) die ausschlaggebende Rolle. Bei den Fonds ist das Motiv klar. Sie müssen versuchen, die Ausschüttungslücken zu schließen, die ihnen durch den Wegfall realisierter Kursgewinne entstanden sind. Aber auch die Kreditinstitute, die neuerdings einen Teil ihrer nicht im Kreditgeschäft unterzubringenden Mittel in Aktien anlegen, sehen auf eine gute Verzinsung. Das Kreditgeschäft wird 1967 erheblich weniger einbringen, deshalb muß der Nutzen woanders gesucht werden.

Nur wäre die Auswahl der unter Dividendengesichtspunkten zu kaufenden Aktien einfach, wenn man es bei der Dividende mit einer feststehenden Größe zu tun hätte. Aber Aktien sind nun einmal ihrer Natur nach Risikopapiere, Dividenden können steigen, sinken und gelegentlich sogar ganz ausfallen. Deshalb ist es problematisch, die Bar-Rendite einer Aktie nach der zuletzt gezahlten Dividende ausrechnen zu wollen. Viel wichtiger ist die Höhe der zu erwartenden Ausschüttung. Es ist keinesfalls krankhafte Neugier, wenn auf Pressekonferenzen und Hauptversammlungen bohrende Fragen nach dem Geschäftsverlauf des Jahres 1967 gestellt werden. Er entscheidet schließlich, ob eine Aktie kaufenswert ist oder besser abgestoßen werden sollte.

Alles konzentriert sich jetzt auf die Frage: Wer wird für 1967 welche Dividende zahlen? Einfach zu beantworten ist das bei den deutschen Großbanken. Hier gibt es traditionell 16 Prozent. Die Ertragsschwankungen werden innerhalb der Rücklagenbildung aufgefangen. Wer in den letzten Jahren die gelegentlich angebotenen jungen Aktien zum Kurs von 100 Prozent (lediglich die Commerzbank forderte manchmal mehr als 100 Prozent) bezogen hat, konnte die Rendite seines Gesamtengagements langsam verbessern.