In Paris erloschen alle Lichter. An der Place de la Concorde verkeilten sich die Autos zu einem fast unentwirrbaren Haufen Blech, an vielen anderen Verkehrsknotenpunkten kam es zu einem unbeschreiblichen Chaos. Die Kinder standen vor verschlossenen Schultüren. Aus der Gare du Nord fuhr kein Zug ab – die Angestellten der Eisenbahnen, der Pariser Metro und der Air France sowie die Arbeiter in den Elektrizitäts- und Gaswerken hatten für 24 Stunden die Arbeit niedergelegt. 10 Millionen Arbeiter folgten dem Aufruf zum Generalstreik, den fast alle großen Gewerkschaften Frankreichs ausgegeben hatten.

Zum erstenmal seit Ende des Algerienkonfliktes hatten die Gewerkschaften am 17. Mai wieder versucht, mit Hilfe eines Generalstreiks in das politische Leben Frankreichs einzugreifen. Ihre Aktion richtet sich gegen die Absicht des französischen Staatschefs, Wirtschaftspolitik mit Hilfe von Sondervollmachten zu betreiben.

De Gaulle und sein Premierminister Pompidou verlangen diese Vollmachten vom Parlament, um einschneidende wirtschaftliche und soziale Reformen auf dem Verordnungswege durchführen zu können. Anstatt jede einzelne Maßnahme im Parlament durchboxen zu müssen, wollen sie den Kampf mit der Opposition in einer einzigen großen parlamentarischen Entscheidungsschlacht gewinnen. Danach soll dann die Reform der Sozialversicherung oder die Beteiligung der Arbeiter an den Früchten der Expansion ohne Konsultation des Parlaments durchgeführt werden.

Warum diese Eile? Die Vollendung des Gemeinsamen Marktes lasse der Regierung keine Zeit für umständliche parlamentarische Diskussionen, argumentiert Georges Pompidou.

Die Opposition und auch einige Gaullisten, darunter Edgar Pisani, der aus Protest sein Ministeramt niedergelegt hat, und ganz besonders die Gewerkschaften fühlen sich übergangen. Jahrelang hatte die Regierung unter Michel Debré und Georges Pompidou den Gewerkschaften einen Dialog – eine Art „konzertierte Aktion“ – versprochen. Bei diesen Versprechungen ist es bis heute geblieben. Die Regierung ist der Diskussion bisher immer wieder ausgewichen.

Die Quittung dafür bekamen die Gaullisten bei den letzten Parlamentswahlen. De Gaulle hat sich zwar die Stimmen des konservativen Bürgertums gesichert, die Arbeiter und Angestellten, die während der Algerienkrise für de Gaulles Partei gestimmt hatten, wandten sich jedoch von de Gaulle ab. Die Verlagerung des politischen Schwerpunkts von der Außen- zur Wirtschafts- und Sozialpolitik trug für de Gaulle bittere Früchte.

Trotz des unbestreitbaren Aufschwungs der letzten Jahre sind nämlich viele Franzosen mit der wirtschaftlichen Entwicklung nicht zufrieden. Die Bilanz der Fünften Republik ist nicht gerade glänzend. Auf wirtschaftlichem und sozialem Gebiet haben die Gaullisten versagt: