In der Berliner Galerie im Europa-Center findet augenblicklich eine Plakatausstellung statt, die in mehr als einer Hinsicht aus dem Rahmen fällt – falls man das bei Plakaten so sagen kann. Diese Plakate sind die Arbeit eines Teams (es besteht seit 1961, die Mitglieder sind alle in Berlin ansässig), dem bereits sechsmal vom Bund der Gebrauchsgraphiker attestiert wurde, ein „bestes Plakat des Jahres“ entworfen zu haben. Eines der preisgekrönten Plakate hängt im New Yorker Museum of Modern Art.

Ungewöhnlich gute Plakate also, mit einem ungewöhnlichen Werbezweck: sie machen Reklame für die christliche Botschaft.

Seit ein paar Jahren schon erscheinen an Berliner Litfaßsäulen und an den Wänden der U-Bahnhöfe von Zeit zu Zeit Plakate, bei deren Anblick mancher Betrachter gedacht haben mag: „Sieh mal einer an – die Kirche!“ Da es aber „die Kirche“ als Initiator genausowenig gibt wie, meinetwegen, „die Nordeuropäer“, waren es einige wenige, die hier Unkonventionelles begannen: Pastor Heinrich Giesen, Berliner Stadtmissionsdirektor und Beauftragter der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg, Pastor Hugo Sopp und der Graphiker Reinhart Braun waren sozusagen der Planungsstab. Braun brachte bald zur Komplettierung des Teams noch zwei befreundete Kollegen mit, Jürgen Helgenberg und Harry Suchland.

Seitdem trifft sich ungefähr alle sechs Wochen der Werbekreis, wie er sich nennt, um neue Plakate zu er-diskutieren. Die Norm sind sechs Plakate im Jahr, bei Etatschwierigkeiten sind es weniger.

Meist einigt man sich zunächst auf einen Slogan, danach auf die graphische Gestaltung. Wer von den Künstlern die beste Idee hat, der bekommt den Auftrag. Gewiß, niemand wird reich daran, und für den Broterwerb sorgen sowieso andere Auftraggeber, aber immerhin ist es doch eine Honorararbeit, vom Prestige nicht zu reden. Das mag einer der Gründe für die künstlerische Qualität der Plakate sein, ein anderer ist zweifellos die Experimentierfreudigkeit des Kreises. Reinhart Braun formulierte es so: „Man findet sonst kaum so aufgeschlossene Auftraggeber.“

Jeder andere Auftraggeber aber betreibt Werbung ja zu dem Zweck, ganz bestimmte, wohlkalkulierte Erfolge buchen zu können. Pastor Giesens Kreis hingegen beschränkt sich darauf, zu erinnern und die Kirche durch mehr als Glockengeläut im Alltag präsent zu machen.

Das „Produkt“, für das Reklame gemacht wird, bringt, was die Darstellung betrifft, gewisse Schwierigkeiten mit sich. Kann man bei Kosmetika, Putz- und Nahrungsmitteln mit dem Ergebnis werben, mit einem makellosen Gesicht, blitzblanken Fußböden und pausbäckigen Kindern, so ist das hier wohl kaum möglich. So etwas wie eine christliche Familie Saubermann kann nicht zum Einsatz gebracht werden. Auch auf das Firmen-Image muß verzichtet werden...