Ein offenes Gespräch

Von Heinrich Bremer

Sie war klein und verwachsen, ein von der Natur vernachlässigtes Geschöpf mit einem großen, weichen Herzen. Wenn sie eine ihrer Schülerinnen ins Herz geschlossen hatte, dann küßte sie sie mit leicht schallendem Geräusch auf die Stirn und sagte: „Sei glücklich, du gutes Kend!“

Das war Sesemi Weichbrodt aus Lübeck, und Thomas Mann hat ihr in den „Buddenbrooks“ ein Denkmal gesetzt. Sie betrieb eine Schule für die Töchter des Patriziats, eine gestrenge kleine Tyrannin, die sich auch von den verwöhntesten ihrer jungen Damen aus gutem Hause nicht auf der Nase herumtanzen ließ.

Immer, wenn ich das Wort „Privatschule“ höre, muß ich an Sesemi denken, obwohl die biedermeierliche, winzige Person heute unter Teenagern nicht mehr recht vorstellbar ist. Sesemis Bild verblaßte denn auch schnell, und ich war sehr erstaunt, als ich die Privatschule sah, in der ich zu einer Besprechung mit dem Schulleiter angemeldet war. Das Haus, an einer der repräsentativen Straßen einer rheinischen Großstadt gelegen, unterscheidet sich kaum von den Bank- und Bürohäusern nebenan: ein modernes Haus.

Es war Pause. Während ich wartete, spielte sich vor mir eine kleine Szene ab. Eine Sechzehnjährige mit gemäßigtem Minirock und Pferdeschwanz, auf den Lippen einen Anflug von Rouge, versuchte, einem Lehrer mit Augenaufschlägen und zierlichen Hüftenbewegungen die Erlaubnis abzuhandeln, in der Pause das Schulhaus verlassen zu dürfen. Der Lehrer war dagegen; er fürchte, sagte er, sie werde zur nächsten Stunde nicht rechtzeitig wieder zur Stelle sein. Sie legte sich stärker ins Zeug, da ließ er sie ungerührt vor der Tür des Lehrerzimmers stehen.

Ich weiß nicht, ob ich zu ebensolcher Konsequenz fähig gewesen wäre; der Lehrer war jung, alles andere als ein griesgrämiger Studienratstyp aus der „Feuerzangenbowle“. Doch Lehrer müssen wohl so sein.