Von Hans-Albert Walter

Die Lunte am Pulverfaß“ war der Titel eines 1965 erschienenen Bandes mit Aufsätzen Leopold Schwarzschilds aus dem Exil. Jetzt liegt ein Buch vor, das vor diesen Exil-Aufsätzen datiert –

Leopold Schwarzschild: „Die letzten Jahre vor Hitler“ – Aus dem „Tagebuch“ 1929–1933, herausgegeben von Valerie Schwarzschild, mit einem Vorwort von Golo Mann, Anmerkungen von Jens Plass; Christian Wegner Verlag, Hamburg; 296 S., 22,– DM.

Die darin enthaltenen Arbeiten sind sämtlich in Schwarzschilds Zeitschrift Das Tagebuch gedruckt worden. Den Anfang macht ein Artikel zum zehnten Jahrestag der Weimarer Verfassung, am Ende steht ein Beitrag aus dem Heft vom 11. März 1933, dem letzten vor dem Verbot des Tagebuchs durch die Nationalsozialisten.

Diese neue Auswahl bekräftigt noch einmal die Tatsache, daß der bei uns fast vergessene Leopold Schwarzschild einer der bedeutendsten deutschen Publizisten dieses Jahrhunderts war. Golo Mann hat zweifellos recht, wenn er in seiner Einleitung bemerkt, Schwarzschilds „politischer Verstand“ sei „in der Geschichte der deutschen Publizistik nahezu beispiellos“.

Dieser politische Verstand, die Fähigkeit, klar zu sehen und sorgfältig zu analysieren, wären allerdings wenig wirksam gewesen ohne Schwarzschilds überlegene Einsicht in politische Zusammenhänge, ohne seine Vertrautheit mit ökonomischen Gesetzen und Mechanismen.

Ein weiteres kommt hinzu: die einleuchtende Prägnanz seines Stils. Er hat es verstanden, auch komplizierteste Zusammenhänge deutlich werden zu lassen, er konnte klar schreiben, weil er zuvor klar gedacht hatte. Gedankenschwäche, geistige Verschwommenheit und Rabulistik waren seines Hohns ebenso sicher wie reaktionäre Politik seiner Verachtung. „Noch immer“, so schreibt er einmal über Industrielle und Politiker vom Schlage Hugenbergs oder Schachts, „noch immer wird die Welt mit dem Kopf und keinem anderen Utensil regiert. Es ist eine Täuschung, daß Deutschlands herrschende Gruppe mit diesem Körperteil ausgestattet wäre. Sie ist es nur physisch, und das genügt nicht.“